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Constanze Schmidt fährt mit 40 Bielefeldern den Ötztaler Radmarathon

Kampf gegen die Naturgewalten

Bielefeld (WB). »Ich habe richtig geheult im Ziel. Da ist plötzlich alles von mir abgefallen«, gesteht Constanze Schmidt (25), wie es ihr nach 12 Stunden und 25 Minuten völlig durchnässt am Ziel in Sölden ging.

Michael Diekmann

Gruppenerlebnis am Berg: Insgesamt mehr als 4000 Starter haben sich an einem Tag über vier gewaltige Alpenpässe gearbeitet, zwischen sieben und 13 Stunden gebraucht. Im Foto vorn die Alpecin-Jedermänner mit Sören Lehmann und Constanze Schmidt, hinten der Rest des Zehnerteams. Insgesamt hatte die Wolff-Gruppe 30 Starter mit nach Sölden gebracht. Foto:

Die Bielefelderin, »Nesthäkchen« im Alpecin-Jedermann-Team 2017 unter Regie von Ex-Profi Jörg Ludewig, hatte da gerade den Ötztaler Radmarathon absolviert – über 230 Kilometer, vier Pässe mit 5500 Höhenmetern und mit gut 4000 Gleichgesinnten. Darunter 88 Ostwestfalen-Lipper, knapp die Hälfte aus Bielefeld.

Tatsächlich haben sich die Bielefelder im Ötztal, über Brenner, Jaufen und Timmelsjoch, zumeist sehr gut verkauft und im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Ziel erreicht; davor stand der knochenharte letzte Anstieg zum Timmelsjoch mit seinen nicht enden wollenden Kehren für alle wie eine Wand. Gut trainiert im Lipperland hatten die Radler des TSVE Team Ötzi mit allein 27 Startern, von denen 21 aus Bielefeld kommen.

Schnellster Bielefelder ind en Top Ten

Der schnellste TSVE-Mann im Ziel, Domilian Ullrich, benötigte mit 8 Stunden und 11 Minuten gut eine Stunde mehr als Jörg Ludewig. Der Alpecin-Sportmarketing-Manager war mit Abstand der schnellste Bielefelder. Seine 7.07 Stunden reichten für die Top Ten in der Gesamtwertung. Mehr sei bei vier Kilogramm Gewicht zu viel nicht drin gewesen, analysiert »Lude«, im vergangenen Jahr noch auf Platz zwei im Ziel. Was den Ex-Profi besonders freut: »Wir haben alle unsere Fahrer bis nach Sölden gebracht. Niemand musste abbrechen.« Mit dabei Michael Dragu. Der Leiter der Dr. Wolff-Rechtsabteilung beendete seinen ersten Ötztaler in 9.18 Stunden. Ludewig: »Wir haben eben gut trainiert.«

Schnellste Bielefelderin war Marion Wittler vom TSVE mit ihren 9:30 Stunden. Dass aber Constanze Schmidt, erst seit fünf Monaten auf dem Rennrad aktiv, bei ihrem Alpendebüt mit 12:30 Stunden noch eine Stunde vor dem Besenwagen blieb, macht die Studentin besonders stolz. Sie hatte über das WESTFALEN-BLATT vom Team Alpecin erfahren und war seit März von Profis mit Profimaterial aufgebaut worden.

Was sie besonders beeindruckt hat? »Der Kampf gegen die Naturgewalten«, sagt sie über steile Berge, gnadenlosen Gegenwind und am Ende starken Regen. »Der setzte ein, als die schnellen Fahrer längst im Ziel waren«, sagt sie. Dafür schwärmt sie aber auch von dem unvergesslichen Regenbogen am Timmelsjoch in fast 3000 Metern Höhe.

Möglichkeiten ausgeschöpft

Sie habe ihre sportlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, aber nicht überzogen, erzählt Schmidt. Nicht ganz einfach, wenn kurz vor dem Start früh um sieben in Sölden der Radcomputer mit allen Daten schlapp macht. »Ich bin nur nach Gefühl gefahren, habe auf meinen Körper gehört. Das hat wohl ganz gut gepasst«, freut sich Schmidt, die von ihrem Freund Dennis im Ziel begrüßt wurde.

Jörn Harguth (52), Topmanager der Dr. Wolff-Gruppe, war bei seiner Ötztaler-Premiere am letzten Anstieg sogar schon vom Fahrrad gestiegen. Ungeheure Krämpfe hätten ihn gelähmt, erinnert sich Harguth. Wegen seiner so akribischen Vorbereitung im Vorfeld habe ihn das so extrem gefrustet, sagt der ehrgeizige Hobbysportler: »Ich war vorher immer in der Zeit und innerhalb meiner gesteckten Ziele. Und dann das.« Dass Harguth am Ende in 12.36 Stunden doch noch das Ziel sah, verdankt er nach eigenen Schilderungen Ex-Profi Mario Kummer. Der habe ihn am Timmelsjoch aufgegriffen und ihn mental in kleinsten Schritten dazu gebracht, erst laufend, dann langsam kurbelnd auch die letzten 17 Kilometer bergauf noch zu versuchen.

Diese Erfahrung im Grenzbereich des eigenen Körpers, ist Harguth überzeugt, wird ihn sein weiteres Leben begleiten: »Der Kopf entscheidet.« Ach ja, in den anschließenden Kurzurlaub hat Harguth das Rennrad ebenso wenig mitgenommen wie Constanze Schmidt – auf Radeln folgt Wandern.

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