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Nicht alle Pflegekassen zahlen, wenn Freunde helfen

Kampf um 125 Euro

Bielefeld (WB). Mit Hartnäckigkeit und Glück hat Christa Schwedler (82) erreicht, dass sie ihren Freundinnen für deren Hilfe im Alltag einen Obolus aus der Pflegeversicherung zukommen lassen kann.

Christian Althoff

Nachdem Christa Schwedler vor neun Jahren von einer Zecke gebissen wurde, ist sie in ihrem Alltag eingeschränkt. Im Januar wurde ihr dafür Pflegegrad 1 zugebilligt. Probleme gab es allerdings mit der Zahlung der monatlichen Unterstützung. Foto: Christian Althoff

Vor neun Jahren wurde die alleinstehende Bielefelderin von einer Zecke gebissen.  »Wegen einer halbherzigen Therapie leide ich unter chronischen Folgen«, sagt die 82-Jährige. »Von jetzt auf gleich schießen messerscharfe Stiche durch meine Füße. Ich kann mich dann minutenlang nicht mehr bewegen und muss mich abstützen. Deshalb kann ich auch nicht alleine aus dem Haus.« Wenn es zu einem solchen Schub komme, täten ihr auch die Arme weh, sie habe Krämpfe in den Augenlidern und nachts Schmerzen beim Umdrehen im Bett.

Helfernetzwerk unterstützt im Alltag

Dass Christa Schwedler trotzdem noch alleine in ihrer Wohnung leben kann, verdankt sie ihrem kleinen Helfernetzwerk. »Da gibt es eine Haushaltshilfe, die das Gröbste macht, eine befreundete Frührentnerin, die mich zum Arzt fährt, eine Freundin, die ich im Notfall Tag und Nacht anrufen kann, eine Ärztin, die mich zum Einkaufen mitnimmt, und eine Lehrerin, die manchmal für mich kocht.« Christa Schwedler ist es wichtig, sich für diese Hilfen zu revanchieren. »Mal mit einem Blumenstrauß, mal mit einer Einladung zum Essen, einer Tankfüllung oder Karten für die Oetker-Halle.«

Im Januar wurde der schwerbehinderten Frau Pflegegrad 1 zuerkannt. Damit hat sie Anspruch auf einen sogenannten Entlastungsbetrag von 125 Euro im Monat. »Mit dem Geld wollte ich einen Pflegedienst bezahlen, damit er mich beim Spazierengehen begleitet.« Sie habe sich an sechs Dienste gewandt, aber nur Absagen bekommen. Karin Weismüller, Seniorenberaterin bei der »Diakonie für Bielefeld«, bestätigt diese Erfahrung: »Wenn Pflegedienste ohnehin jemanden betreuen, nehmen sie gerne die zusätzlichen 125 Euro für weitere Betreuungsaufgaben. Sie sind aber meistens nicht daran interessiert, ausschließlich Leistungen für 125 Euro zu erbringen.«

Pflegekurs gesetzlich vorgeschrieben

Christa Schwedler wollte deshalb die 125 Euro ihren Freundinnen für deren Unterstützung zukommen lassen. Doch so etwas sieht das Gesetz nicht vor. Die »Verordnung über die Anerkennung von Angeboten zur Unterstützung im Alltag« des Landes NRW schreibt vor, welche Voraussetzungen Helfer haben müssen. Danach müssen selbst »bürgerschaftlich engagierte Einzelpersonen«, wie sie in der Verordnung heißen, »einen Pflegekurs entsprechend § 45 des Elften Sozialgesetzbuchs« nachweisen.

Diese Auskunft bekam Christa Schwedler zunächst auch von ihrer Krankenkasse IKK Classic. »Damit wollte ich mich aber nicht zufriedengeben. Wenn mir das Geld schon zusteht, will ich es auch für die Hilfe verwenden, die mir wichtig ist!« Die 82-Jährige rief mehrfach bei der Krankenkasse an und hatte schließlich eine Sachbearbeiterin am Telefon, die tiefer im Thema war und helfen konnte. IKK-Classic-Sprecher Michael Lobscheid: »Wir nutzen unseren Ermessensspielraum, um Menschen wie Frau Schwedler zu unterstützen.« Dazu schickt die Kasse ihren Versicherten monatlich das Formular »Abrechnung von Nachbarschaftshilfe«, in das eingetragen wird, wer, wann, wie lange geholfen und welchen Obulus dafür bekommen hat. »Wir erstatten dann bis zu 125 Euro.«

Meist ist eine Rechnung nötig

Seniorenberaterin Karin Weismüller: »Das ist nicht die Regel. Ich kenne andere Krankenkassen, die auf die Rechnung eines anerkannten Dienstes bestehen.« Das bestätigt auch Jens Kuschel von der AOK Nordwest: »Die 125 Euro monatlich werden von uns nicht an private Personen wie Nachbarn gezahlt, sondern nur an professionelle Anbieter.«

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