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Sonderparteitag 1999 in Bielefeld wegen Farbbeutelwurfs auf Joschka Fischer in Erinnerung

Kosovo-Einsatz spaltete die Grünen

Bielefeld (WB). Vor 20 Jahren hat schon einmal ein Bundesparteitag der Grünen in Bielefeld stattgefunden. Schwierige Zeiten waren das damals für die Partei. Sie erlebte eine Zerreißprobe, die leicht das Ende hätte bedeuten können. Nur 19 Jahre vorher zählten Friedensaktivisten noch zu den Gründungsmitgliedern. Und nun kämpften im Kosovo-Krieg Bundeswehr-Soldaten für die Nato. In den Augen vieler Grüner war der erste Kriegseinsatz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Tabubruch – und das unter einem Grünen-Außenminister.

Bernhard Hertlein

Unter Schock: Joschka Fischer, 1999 Außenminister in der rot-grünen Bundesregierung, ist von einem Beutel mit roter Farbe und Buttersäure getroffen worden; neben ihm Jürgen Trittin. Foto: dpa

Wie sehr das Thema die Partei aufwühlte, war am 13. Mai 1999 schon auf dem Weg zur Bielefelder Seidensticker-Halle zu spüren. 1500 Polizisten waren aufgeboten, um die 800 Delegierten zu schützen. Trotzdem blieb den meisten nicht erspart, dass sie sich ihren Weg durch Gruppen von Kriegsgegnern bahnen mussten, die nicht nur »Mörder! Mörder« skandierten, sondern vereinzelt auch handgreiflich wurden.

Aus der Rede Joschka Fischers auf dem Sonderparteitag blieb vor allem ein Satz in Erinnerung: »Ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört für mich zusammen.« Die Mehrheit folgte ihm. Sicher war das allerdings nicht. Eine Brandrede von Joschka Fischers Freund Daniel Cohn-Bendit brachte die Stimmung fast noch zum Kippen. Cohn-Bendit malte nicht nur das drohende Ende der ersten Regierungsbeteiligung der Grünen im Bund an die Wand. Schlimmer war, dass er die Gegner innerhalb der Partei zu Unterstützern des serbischen Diktators Slobodan Milošević machte. Am Ende stimmten aber 444 Delegierte für die vom Vorstand eingebrachte Resolution zur Unterstützung des Militäreinsatzes.

Unter denen, die mit Nein stimmten, waren unter anderem Claudia Roth, Hans-Christian Ströbele und die damalige NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn. Eine der führenden »Fundis«, Jutta Ditfurth, konnte gar nicht mehr an der Abstimmung teilnehmen. Sie war vorher schon bei den Grünen ausgetreten und nahm nur als Journalistin am Parteitag teil.

Am meisten in Erinnerung blieb vom Grünen-Parteitag aber nicht die Diskussion über den Kosovo-Einsatz, sondern der Farbbeutelwurf gegen den Außenminister. Kurz vorher hatte sich einer der jüngeren Teilnehmer aus Protest gegen den Kriegseinsatz nackt ausgezogen. Die Ablenkung nutzte ein anderer und warf einen Farbbeutel auf Joschka Fischer, der diesen am rechten Ohr traf. Fischer, einst selbst als Sponti nicht zimperlich, musste ärztlich behandelt werden. Dabei wurde neben einem Riss des Trommelfells festgestellt, dass außer roter Farbe Buttersäure, wie sie in Stinkbomben verwendet wird, in den Gehörgang eingedrungen war. Der Farbbeutelwerfer war bald identifiziert: ein 35-jähriger Mann aus Berlin, der in Frauenkleidern am Parteitag teilgenommen hatte. Zwei Jahre nach der Tat wurde er vom Landgericht Bielefeld in zweiter Instanz zu 3600 Mark Geldstrafe verurteilt.

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