3000 Pädagogen werden in Bielefeld bevorzugt behandelt

Lehrer erhalten Impfung früher: Ist das gerecht oder nicht?

Bielefeld (WB)

3000 Lehrerinnen und Lehrer innerhalb der Priorisierungsgruppe 3 sollen in Bielefeld besonders schnell und somit bevorzugt geimpft werden. Sie erhalten früher Termine als zum Beispiel die Kassiererin an der Supermarktkasse oder Eltern von schwerkranken Kindern. Die Debatte tobt. Mit Kommentar von André Best.

André Best

Innerhalb von nur 20 Tagen sollen alle 3000 Bielefelder Lehrerinnen und Lehrer sowie alle anderen Mitarbeiter des Schulbetriebs demnächst ihre erste Impfung erhalten. Foto: dpa

Ziel ist es, dass möglichst alle Pädagogen der Sekundarstufe I und II spätestens bis zum Beginn des neuen Schuljahres mindestens einmal geimpft sind. Damit dieses Ziel erreicht wird, bekommen Lehrerinnen und Lehrer schnellere Impftermine als andere Berechtigte dieser Priorisierungsgruppe. Zu dieser Gruppe zählen beispielsweise Beschäftigte der Lebensmittelbranche, Drogerien oder auch Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen. Diese Impfberechtigten sollen zwar auch so schnell wie möglich an der Reihe sein, müssen sich aber weiterhin über das System der Kassenärztlichen Vereinigung um Termine bemühen. Das kann aber dauern, da der Impfstoff noch immer nicht in ausreichender Menge vorhanden ist und Termine knapp sind.

Tempo aber bei Lehrern: Innerhalb von nur 20 Tagen sollen alle 3000 Pädagogen erstgeimpft sein. Und auch die Mitarbeiter im Schulsekretariat, Hausmeister und Reinigungskräfte.

Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger. Foto: Thomas F. Starke

„Ich weiß, dass das zu Diskussionen führen wird. Aber wir halten diese Maßnahme für sehr sinnvoll, damit der Schulbetrieb mit Beginn des neuen Schuljahres hoffentlich unproblematisch beginnen kann und weitere Rückschritte ausbleiben werden“, sagt Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger. Die Lehrerinnen und Lehrer bekommen den Impfstoff Moderna.

Stadt und das Impfzentrum greifen auf Impfreserven zurück, die bislang zurückgehalten wurden, falls es zu Lieferschwierigkeiten, anderen Verzögerungen oder ähnliches kommt. Im Hinblick auf die zu erwartende große Menge an Impfstoff im Juni und Juli sowie in den folgenden Monaten geht die Stadt bewusst dieses – laut Nürnberger – „Risiko“ ein und verimpft somit diese „Notreserve“.

Abgewickelt wird der Anmeldeprozess nicht über das System der Kassenärztlichen Vereinigung, sondern über ein separates Programm der Stadt beziehungsweise des Impfzentrums. Vermutlich soll eine Software des Arbeiter-Samariter-Bundes genutzt werden.

Über das Procedere werden die Lehrer rechtzeitig informiert. Krisenstabsleiter Nürnberger sowie die Verantwortlichen des Impfzentrums, Dr. Theodor Windhorst und Ingo Schlotterbeck, haben die Entscheidung gemeinsam getroffen.

Bielefeld steuert laut Nürnberger mit großen Schritten auf stabile Inzidenzwerte von unter 165 zu. Wäre das an fünf aufeinanderfolgenden Tagen ununterbrochen der Fall, könnten Schulen wieder zum Wechselbetrieb übergehen. Die Lockerungen würden dann am darauffolgenden Montag erfolgen, damit Lehrer, Eltern und Schüler sich darauf vorbereiten können. Frühestens könnte der Wechselbetrieb am Montag, 17. Mai, beginnen oder eben eine Woche später nach Pfingsten. In Kitas hieße das: Rückkehr zum Normalbetrieb.

Grundlage für die Entscheidung, ob und wann der Wechselbetrieb starten kann, sind die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut täglich veröffentlicht. Es gilt der Stand um 0 Uhr. Nachmeldungen, etwa aufgrund von technischen Schwierigkeiten, werden nicht berücksichtigt. „Das Land verfolgt die Zahlen, und erst wenn die Inzidenz fünf Mal unter 165 liegt, teilt uns das Land mittels einer Allgemeinverfügung die Rückkehr zum Wechselbetrieb mit. Wir haben da keinen Einfluss. Ich finde es auch etwas misslich, dass Nachmeldungen in der Bewertung keine Rolle spielen“, sagt Ingo Nürnberger.

Nochmals ging er auf den Meldeverzug der Stadt ein. Dieser sei beseitigt. Dennoch werde es wie berichtet auch in Zukunft zu Korrekturen bei den Infektionszahlen kommen. Die Erfassung der Zahlen sei komplex, kompliziert und mit viel Aufwand verbunden. Acht Mitarbeiter seien damit täglich beschäftigt. IT-Experten, auch vom Landeszentrum Gesundheit (LZG), hätten die Technik und Meldeabläufe geprüft.

Die Einführung der Zormas-Software zur Erfassung und Meldung der Coronazahlen, die für Mitte Mai geplant war, ist auf die erste Juli-Woche verschoben worden. Es soll noch auf ein Update gewartet werden.

Ein Kommentar von André Best

Die Entscheidung, Lehrer/innen der Sekundarstufe I und II schneller und somit bevorzugt zu impfen, bietet reichlich Diskussions- und Gesprächsstoff für die nächste Debatte um die Frage nach Gerechtigkeit in Zeiten von Corona.

Wer auch wie Lehrer zur Prioritätsgruppe 3 gehört, aber eben nicht im Schulbetrieb arbeitet, könnte sich ungerecht behandelt fühlen. Die Supermarktmitarbeiterin an der Kasse beispielsweise, Eltern von schwer erkrankten Minderjährigen oder eben auch Bielefelder über 60. Ihnen allen steht eine Impfung zu – hoffentlich so schnell wie möglich.

Aus deren Sicht ist die Entscheidung schwer nachzuvollziehen. Manche werden sie verständlicherweise für vollkommen unangemessen und ungerecht betrachten. Lehrer, Eltern und Schüler hingegen sehnen sich nach dem Schulbetrieb ohne das ständige Hin und Her, ohne Quarantäne- und Coronafälle, ohne Home-Schooling. Völlig zu Recht. Alle wünschen sich einen Kita- und Schulbetrieb, wie wir ihn von früher kennen. Bildung ist ein Menschenrecht.

Nein, in dieser Frage gibt es kein Richtig und kein Falsch. Hier wird einmal mehr die Solidarität der Menschen auf eine harte Probe gestellt. Sie sollte stärker sein, als manche Neiddebatte – trotz aller Härten und auch Ungerechtigkeiten, die mit dieser Entscheidung verbunden sein werden.  André Best

„Schnellere Impftermine für Lehrer: Hier wird einmal mehr die Solidarität der Menschen auf eine harte Probe gestellt“: André Best, Leiter der Lokalredaktion Bielefeld Foto:
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