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Stummfilmfestival eröffnet mit »Flesh and the Devil«

Liebe auf den ersten Blick

Bielefeld (WB). Leinwand frei, denn große Zeiten brechen an – beziehungsweise sind seit der Eröffnung des 30. Film- und Musikfestes der Friedrich Wilhelm Murnau-Gesellschaft angebrochen.

Uta Jostwerner

Greta Garbo und John Gilbert in »Flesh and the devil« Foto: Metro-Goldwyn-Mayer; Filmphilharmonic Edition

Etwa 1000 Zuschauer verfolgten in der Oetkerhalle mit, wie es zwischen Greta Garbo und John Gilbert zu knistern beginnt und wie das Braunschweiger Staatsorchester diese Erotik hörbar werden ließ. »Flesh and the Devil«, 1926 von Clarence Brown inszeniert, entwickelt sich von einer Militärklamotte zum Hollywood-Melodram um Liebe und Leidenschaft, Treue und Freundschaft. Es ist das alte Lied: zwei Männer, Freunde noch dazu, lieben die selbe Frau.

Wenn sich der junge Offizier Leo van Harden und die schöne Gräfin Felilcitas von Eltz auf einem Ball begegnen, dann ist es Liebe auf den ersten Blick. Carl Davis, der 1982 die Filmmusik nachvertonte, findet für diesen Moment ein kleines, aber wirkungsvolles Motiv, das in seinen Anfangstönen den schnulzigen Liebesgruß »Salut d‘Amour« von Edward Elgar aufgreift und zu einer Art Leitmotiv für die Liebe zwischen Felicitas (Garbo) und Leo (Gilbert) werden lässt.

Inflagranti erwischt

Als Felicitas Ehemann die beiden Liebenden inflagranti erwischt, fordert er seinen Nebenbuhler zum Duell. Leo erschießt den eifersüchtigen Ehemann und lässt sich in die deutschen Kolonien nach Afrika versetzen, damit Gras über die Sache wächst. Zuvor bittet er seinen besten Freund Ulrich, sich während seiner Abwesenheit um Felicitas zu kümmern. Nichts ahnend von dem Verhältnis der beiden, nimmt Ulrich seine Aufgabe besonders ernst und heiratet Felicitas. Als Leo nach Jahren zurückkehrt, ist er von dieser Neuigkeit schockiert. Die alte Leidenschaft zwischen ihm und Felicitas flammt wieder auf und stellt die Freundschaft zwischen Leo und Ulrich auf eine harte Probe.

Neben dieser Dreiecksgeschichte steht die Schönheit und Verwegenheit der Hauptdarstellerin im Mittelpunkt des Melodrams. Kameramann William Daniels entwickelte hier eine ganz besondere Art und Weise, das Gesicht der Garbo auszuleuchten, so dass es fast aussah, als würde es von innen erhellt.

»Flesh and the Devil« ist der erste von fünf Filmen, in denen die Garbo an der Seite ihres tatsächlichen Liebhabers John Gilbert zu sehen ist, und bietet einen vielsagenden Einblick in die frühe Produktion Hollywoods und dessen Darstellung von Erotik. So ist in diesem Film eine der ersten horizontalen Liebesszenen der Filmgeschichte zu sehen.

Musikalische Ironie und Komik

Die Filmmusik von Carl Davis, komponiert im Stil der Deutschen Romantik, verstärkt und kommentiert diesen Wust an Gefühlen und knisternder Erotik in kongenialer Weise. Da entwickelt sich ein luftig leichter Walzer zum explosiv-bissigen Orchesterfortissimo und verweist somit auf die destruktive Kraft dieser verbotenen Liebe. Manchmal nimmt die Musik geradezu Wagnerische Züge an und unterstreicht die Tragik einer ausweglosen Situation. Daneben existieren aber auch musikalische Ironie und Komik, die unter der Leitung von Helmut Imig stets auf den Punkt genau zu Gehör gebracht wurde und den Stummfilm für die Zuschauer zu einem einzigartigen Kunstgenuss machte. Wie gewohnt förderte das Staatsorchester Braunschweig klangmalende Effekte sowie großräumig schwelgerische Partien mit großer spieltechnischer Akkuratesse zutage.

Noch bis zum 10. November präsentiert die Murnau-Gesellschaft audio-visuelle Erlebnisse der Extraklasse, unter anderem am 8. November den Film Sunrise mit einer neu komponierten Filmmusik von Bernd Wilden. Das gesamte Programm gibt es im hier.

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