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Premiere des Theaterstücks „Waisen“ über dramatische familiäre Verstrickungen

Liebe, Lügen, Halbwahrheiten

Bielefeld (WB). Helen und Danny verbringen einen harmonischen Abend zu Zweit ohne den achtjährigen Sohn, als plötzlich Helens Bruder Liam herein platzt, blutbeschmiert. Er tischt dem Paar eine Geschichte auf, in der er einem verletzten Jungen, der aber davon gelaufen sei, geholfen haben will. Liam ist vorbestraft, seine Schwester wäscht schnell sein blutiges Hemd, verwischt Spuren – sicher ist sicher. Liam ist außer sich, das Ehepaar aufgeregt, die Stimmung aufgeheizt: So beginnt das Stück „Waisen“ von Dennis Kelly, das das Forum für Kreativität und Kommunikation im „Kulturpunkt“ an der Paulusstraße zeigt. Premiere war am Freitag.

Burgit Hörttrich

Danny (Martin Neumann), Helen (Sandra Schmitz) und Liam (Jörg Schulze-Neuhoff, von links) verstricken sich in einem unlösbaren Geflecht aus Loyalitäten und Ängsten. Das Stück „Waisen“ hatte im Kulturpunkt Premiere. Foto:

Ehemann Danny hat einen guten Job, Helen ist erneut schwanger, die Familie lebt im eigenen Haus. Das allerdings steht in einer „schlechten Gegend“. Danny ist vor Kurzem überfallen worden, Helen erzählt, sie werde auf der Straße von Jugendlichen („Araber wahrscheinlich“) regelmäßig übel beschimpft, trotzdem wollen sie festhalten an ihrem Leben. Beide nehmen Liam ins Kreuzverhör. Und der verwickelt sich mehr und mehr in Widersprüche. Nein, kein Junge, ein Mann, ja, er selbst habe ein Messer dabei gehabt, zufällig. Dass sein Freund Neonazi ist: Was soll’s, man kennt sich halt seit Kindertagen.

Die Dialoge laufen oft ins Leere, zerfallen in Fragmente, drehen sich im Kreis. Aber immer weiß das Publikum, wie der Satz weiter geht. Weiter gehen könnte.

Liam, grandios gespielt von Jörg Schulze-Neuhoff als ein Mann, der sich immer auf andere, speziell auf seine Schwester, verlassen hat, wirkt immer aufgeregter, hysterischer, und schafft es schließlich sogar, seinen Schwager Danny zum Komplizen zu machen. Danny, als Pedant auf der Seite des moralisch Richtigen gespielt von Martin Neumann, lässt sich von Helen (Sandra Schmitz), die den Zusammenhalt der Familie über alles stellt, vom Helfer und Unterstützer zum Mittäter machen. Schließlich geht es um Liam, ihren Bruder, während das Opfer „irgend so ein Typ ist, den wir gar nicht kennen“.

Immer wieder kommt die Vergangenheit der Geschwister ins Spiel, die die Eltern früh bei einem Autounfall verloren haben. Helen hat stets dafür gekämpft, nie von ihrem schwierigen Bruder getrennt zu werden – und musste dafür in Kauf nehmen, mit ihm von der Schule zu fliegen, nicht von Pflegefamilien ihrer Träume aufgenommen zu werden.

Helen wird schließlich klar, welche Last ihr Liam aufbürdet. Er muss den Haustürschlüssel abgeben und darf auch nicht mit seinem Neffen zur Dampfmaschinenschau in den Park, nachts ohnehin No-Go-Area. Die Abhängigkeit der Figuren voneinander bleibt jedoch.

Regisseur Hans-Peter Krüger lässt die drei hervorragend aufeinander eingespielten Protagonisten auf drei Podien spielen – körperliche Berührungspunkte gibt es nicht. Auch, wenn das Corona geschuldet sein mag – es unterstreicht nur die Verlorenheit und den Versuch, einen Weg zu finden heraus aus all’ den Halbwahrheiten, Lügen und Märchen, die man sich zurecht gelegt hat, um das Leben bewältigen zu können. In Videosequenzen ist ein Gang durch ein nächtliches „Problemviertel“ zu sehen. Am Ende bleibt vieles offen, das Publikum kann die Geschichte weiterdenken.

Nach drei Vorstellungen am vergangenen Wochenende ist „Waisen“ zunächst noch am 24. Oktober um 20 Uhr und am 25. Oktober um 18 Uhr (jeweils mit Lüftungspause) zu sehen. Karten gibt es unter Telefon 0521/176980.

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