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Kampfmittelbeseitiger verschieben Grabung in der Bielefelder Siedlung Grafenheide – Sie wollen Evakuierungen vermeiden

Lockdown verhindert Bombensuche

Bielefeld (WB)

Liegt unter einem Haus in der Siedlung Grafenheide ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg? Die Klärung – und gegebenenfalls die Entschärfung der Fliegerbombe – lässt weiter auf sich warten. Grund ist der Lockdown.

Peter Bollig

Rainer Scholz nach der Sondierung im Vorgarten: Die Untersuchungen ergaben, dass der mutmaßliche Blindgänger unter seinem Keller liegt. Foto: Thomas F. Starke

Eigentlich sollte schon am 6. Januar eine Fachfirma mit der Grabung im Keller des Hauses von Familie Scholz bis zu der Stelle beginnen, an der nach Sondierungen der Blindgänger vermutet wird. Die Arbeiten wurden verschoben, jetzt fand ein Abstimmungsgespräch mit den Eigentümern, dem Kampfmittelbeseitigungsdienst und der städtischen Feuerwehr statt.

„Wir verschieben die Maßnahme bis zum Ende des Lockdowns“, sagt Jesko Löhr vom Feuerwehramt. Denn: „Wenn wir einmal anfangen, gibt es kein Zurück mehr.“ Was bedeutet, dass ein Automatismus in Gang kommt, wenn der zuständige Kampfmittelbeseitigungsdienst der Bezirksregierung Arnsberg bei der Grabung tatsächlich feststellt, dass im Boden eine Fliegerbombe mit einem möglicherweise funktionierenden Zünder liegt. Dann müssten die Experten den Sprengkörper sofort entschärfen. Eine weitere Verschiebung wäre nicht möglich – und damit käme es zwangsläufig auch zu einer Evakuierung der Nachbarschaft, einer Absperrung des Bereichs während der Entschärfung mit einem entsprechenden Aufgebot an Einsatzkräften. Dadurch käme es wohl zu einer Ansammlung von Menschen – in Zeiten des verschärften Lockdowns wäre das aus Sicht des Feuerwehramtes „den Leuten schwer zu vermitteln“, zumal eine sofortige Grabung „nicht zwingend erforderlich ist“, so Jesko Löhr im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT.

Der Verdacht, dass sich ein Blindgänger unter dem Haus befindet war, 2019 aufgekommen, als im Zuge des geplanten Breitbandausbaus Luftbildaufnahmen der Alliierten aus der Zeit nach den Bombardements von vor rund 75 Jahren ausgewertet wurden. Ähnliche Verdachtsmomente gebe es einige im Stadtgebiet. Erst, wenn Baumaßnahmen geplant sind, kommt es in der Regel zu Sondierungen, durch die herausgefunden werden sollen, ob und wo genau sich mögliche Bomben im Boden befinden, um sie vor den Bauarbeiten zu entfernen.

So wurden auch bei Familie Scholz in vielen Bohrlöchern Sonden herabgelassen, die auf einer Tiefe von dreieinhalb Metern etwas Metallisches registrierten.

Und so wie in der Siedlung Grafenheide wurden geplante Grabungen mit der Folge möglicher Entschärfungen und Evakuierungen vorerst gestoppt. Vor allem bei privaten Bauvorhaben kommt es Jesko Löhr zufolge dadurch derzeit zu Verzögerungen. Wann genau die Kampfmittelbeseitiger ihre Arbeit wieder aufnehmen können, ist unklar und hänge vom Corona-Infektionsgeschehen ab.

Bei den Bewohner Rainer Scholz und seiner Schwester Doris zieht sich die Unruhe weiter in die Länge. „Das geht einem schon ständig durch den Kopf, dass da möglicherweise eine Bombe unterm Keller liegt. Das ist immer präsent“, sagt Rainer Scholz.

Das Haus wurde 1956 dort gebaut, wo sich einige Jahre zuvor möglicherweise eine Fliegerbombe in den Boden gegraben hatte, ohne zu explodieren. Es wäre das erste Mal in Bielefeld, dass Kampfmittelbeseitiger eine Bombe unter einem Haus entschärfen und beseitigen müssten. Die Kosten für den Mehraufwand gegenüber einer Entschärfung auf freiem Feld sollen die Eigentümer tragen – 15.000 bis 20.000 Euro, die auch deswegen anfallen, weil die Fachfirma die Erde eimerweise in Handarbeit herausholen müsste.

Zumindest den ersten knappen Meter darf Scholz in Absprache mit der Feuerwehr mit Helfern selber aufgraben, um Kosten zu reduzieren. Die Bodenplatte im Keller habe er schon geöffnet, sagt Rainer Scholz. Mit Freunden will er dann zu Schaufel und Spaten greifen, um den Boden darunter zu beseitigen – kurz bevor die Fachfirma anrückt, um die restlichen Meter senkrecht bis zum Zünder zu übernehmen. Einen Wagen für den Bodentransport durch den Keller habe er schon gebaut.

Und wie nach der Entschärfung eine möglicherweise 500 Kilogramm schwere, bis zu 1,80 Meter lange Fliegerbombe aus dem Loch unterm Keller herauskommt – „darüber muss sich der Kampfmittelbeseitigungsdienst Gedanken machen“. Durch die Kellertüren passe sie wohl durch.

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