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Mädchen möglicherweise von drei Männern vergewaltigt

Lügde: Vater eines Opfers wegen Missbrauchs angeklagt

Lügde (WB)

Ein kleines Mädchen aus Niedersachsen soll nicht nur von Andreas V., dem Haupttäter von Lügde, vergewaltigt worden sein, sondern auch noch von zwei anderen Männern. Einer davon soll der eigene Vater sein.

Christian Althoff

Auf dem Campingplatz in Lügde ist es jahrelang zu ungezählten Vergewaltigungen von Kindern gekommen.

Als das Landgericht Detmold 2019 den Missbrauchsfall Lügde verhandelte, saß unter den Zuschauern regelmäßig auch ein Mann, dessen kleine Tochter vom Hauptangeklagten Andreas V. dutzendfach vergewaltigt worden war. In den Verhandlungspausen gab der Vater Fernsehinterviews und verfluchte den Angeklagten. Jetzt muss der 42-Jährige aus Niedersachsen damit rechnen, selbst auf die Anklagebank zu kommen. „Wir werfen ihm vor, seine Tochter ebenfalls missbraucht zu haben“, sagt Oberstaatsanwalt Andreas Buick aus Göttingen. Die Anklage sei vor wenigen Tagen erhoben worden. Etwa ein Dutzend Taten sollen im Raum stehen.

Es geht um die heute zehn Jahre alte Melanie*. Weil ihr Vater Anfang 2017 im Gefängnis saß, gab die Mutter eine Ebay-Kleinanzeige auf: „Suche andere Eltern für gemeinsame Aktivitäten mit Kindern“. Auf die Anzeige meldete sich An­dreas V., der mit seiner Pflegetochter auf dem Campingplatz „Eichwald“ in Lügde lebte und die sechsjährige Pflegetochter zu diesem Zeitpunkt bereits regelmäßig vergewaltigte. Andreas V. war der Mutter von Melanie sympathisch. Er habe Geschenke gemacht, ihr beim Einkaufen geholfen und Ausflüge organisiert, gab sie später bei der Kripo an. Schon nach kurzer Zeit ließ die Mutter Melanie bei Andreas V. im Wohnwagen übernachten – anfangs nur an den Wochenenden, in den Sommerferien auch mehrere Wochen lang, und danach wieder an Wochenenden – fast eineinhalb Jahre lang, bis zum September 2018.

Anzeichen des Missbrauchs

Dabei hatte sich Melanie schon nach den ersten Aufenthalten bei Andreas V. im Frühjahr 2017 verändert. Ihr Mutter sagte später aus, ihre Tochter habe unter Angstträumen gelitten. Sie habe ein unangemessenes sexualisiertes Verhalten gezeigt und nach ihren Besuchen in Lügde über Schmerzen und Rötungen im Vaginalbereich geklagt. Die habe sie mit Pilzsalbe behandelt, gab die Mutter an.

13 Jahre Haft

In der Anklage wurde Andreas V. später vorgeworfen, Melanie 32 Mal vergewaltigt zu haben. Auch diese Fälle führten dazu, dass der 56-Jährige 2019 zu 13 Jahren Gefängnis und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde.

Noch vor Beginn des Lügde-Prozesses im Juni 2019 hatte Andreas V. in einem Brief an seinen Anwalt zwei weitere Männer des Kindesmissbrauchs beschuldigt – einen gebürtigen Schweizer und Melanies Vater, die beide in einem kleinen Ort im Kreis Northeim lebten und Kontakt zu Andreas V. hatten. In dem Brief soll es u.a. sinngemäß geheißen haben, Melanie sei von ihrem Vater missbraucht worden. Der Anwalt gab das Schreiben an die Staatsanwaltschaft Detmold weiter.

Kooperierte Jugendamt nicht?

Soll ein Kind in einem Verfahren gegen seine Eltern befragt werden, muss ein sogenannter Ergänzungspfleger bestimmt werden, der die Interessen des Kindes wahrnimmt. In diesem Fall war das eine Mitarbeiterin des Jugendamts Northeim. Angeblich soll sie einer Vernehmung Melanies widersprochen haben, weshalb der Vater wohl lange unbehelligt bleiben konnte.

Erst im April 2020, als die EK „Eichwald“ Melanie zu dem ebenfalls beschuldigten Schweizer vernahm, soll die Zehnjährige nicht nur den Schweizer belastet, sondern auch auf ihren Vater zu sprechen gekommen sein – und ihn des Missbrauchs beschuldigt haben. Deshalb wurde das Mädchen noch am selben Tag vom Jugendamt in Obhut genommen.

130 Verdächtige

Während Melanies Vater der Prozess noch bevorsteht, wird gegen den Schweizer (49) bereits seit September vor dem Landgericht Göttingen verhandelt. Er soll fünf Mädchen im Alter zwischen sechs und 13 Jahren vergewaltigt haben, darunter auch Melanie. Die Durchsuchung seiner Wohnung durch die EK „Eichwald“ hatte aber nicht nur diesen Gerichtsprozess zur Folge: Die Auswertung sichergestellter Datenträger ergab außerdem Hinweise auf 130 weitere Verdächtige.

Sollten der Schweizer und der Vater verurteilt werden, hieße das, dass Melanie das Opfer dreier Männer geworden wäre.

* Name geändert

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