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Schräge Töne beim Weihnachtskonzert der Seltaebs

„Madonna mit Sack“

Bielefeld (WB). Man könnte meinen, die Seltaebs würden sich auf ein Konzert nicht mit besonderem Ernst vorbereiten. Da wird zwar noch rechtzeitig eine Posaune bestellt und die Glöckchen sind mit der richtigen Tonhöhe beschriftet, doch eine Setlist ist Fehlanzeige.

Kerstin Panhorst

Bei ihrem traditionellen Weihnachtskonzert spielten die Seltaebs mit (von links) „Eudel“ Oliver Damaschek, Jochen Vahle, Martin Mauntel und „Flo“ Florian Altenhein zahlreiche neue Coverversionen . Foto:

„Was ist das? Candy?“, fragt sich ein Teil der Band bei den ersten Tönen, die beim diesjährigen Weihnachtskonzert der Bielefelder Kultformation im Movie erklingen. Die mehr als 150 Besucher werden es nie erfahren. Denn schnell wird beschlossen, etwas anderes zu spielen.

Also eröffnen Jochen Vahle, „Eudel“ Oliver Damaschek, Martin Mauntel und „Flo“ Florian Altenhein den Abend lieber mit „I’m still standing“ von Elton John und einem ganzen Block „homosexueller Lieder“. Was diese genau ausmacht ist dem Quartett selbst nicht ganz klar, aber das spielt ohnehin keine Rolle.

Denn die Seltaebs - rückwärts gelesen die Bielefelder Beatles – brauchen keine Definitionen für die Musik, die sie covern (O-Ton: „Es geht hier hauptsächlich darum, das man die Lieder erkennen kann.“). Und sie brauchen eigentlich auch keine Definition für sich selbst, obwohl sie mit „Chamäleons oder Kamele des Rock“ und vor allem „Die Seltaebs sind wie Madonna, nur mit Sack“ davon gleich zwei grandiose Selbstbeschreibungen liefern.

Die Band gehört schon lange zur Bielefelder Rockszene, 2018 feierte sie ihr 30-Jähriges auf der Bühne in der Oetkerhalle. Auch ihre Weihnachtskonzerte sind inzwischen legendär, für die sie nicht nur immer wieder die alten Gassenhauer wie „Bohemian Rhapsody“ auspacken, sondern immer weder auch neue Stücke mit ins Programm nehmen.

Das funktioniert manchmal fantastisch wie bei Bronski Beats „Smalltown Boy“ oder auch dem gefürchteten George Michael Klassiker „Careless Whisper“, von dem Sänger Jochen Vahle vorher sagt „Da hab ich Angst vor!“. Doch das Publikum ist hier schon früh in Stimmung. Im Falle von Barry Manilows „Mandy“ oder dem „Lied über ein ostdeutsches Mädchen“ hingegen dürfen die Zuschauer der Band live beim Scheitern zusehen. Zunächst herrscht Uneinigkeit über die Tonlage. Spätestens bei der Bridge bricht das Chaos auf der Bühne aus, was bei der Band selbst zu hysterischen Lachanfällen führt und zur Unterhaltung beiträgt.

Denn das macht gerade den Charme der Seltaebs aus, dieser 1988 von vier Gymnasiasten gegründeten Band, die seit 1990 in der aktuellen Besetzung zusammen spielt. Die Seltaebs müssen, ja sie dürfen gerade nicht mit Ernst an die Sache gehen. Sie dürfen nicht bis zur Perfektion proben, um ihre nahbare, unverstellte und dennoch musikalisch fundierte und überaus amüsante Performance nicht zu gefährden.

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