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Oetker-Chef Christmann spricht in Bielefeld vor Managerinnen aus OWL Klartext

„Männer weiter weitgehend von der Hausarbeit befreit“

Bielefeld (WB). Das hatten die 200 Frauen, die auf Einladung der beiden Organisationen Managerinnen in OWL (MIO) und Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR) in die Dr. Oetker-Welt gekommen waren, nicht erwartet – dass der Gastgeber, statt Komplimente zu machen, erst einmal Klartext reden würde. Doch genau das tat Albert Christmann, der erste familienfremde Manager an der Spitze des Oetker-Konzerns , in seinem Impulsvortrag.

Bernhard Hertlein

Gender-Diskussion auf Einladung in der Dr. Oetker-Welt (von rechts): Prof. Manuela Rousseau (Beiersdorf), Doris Abeln, Mitglied der Geschäftsleitung von Dr. Oetker in Deutschland, Oetker-Chef Albert Christmann, Patric de Hair (Schüco) und Hanna Drabon, Mitglied der Geschäftsleitung von Comspace und Gründerin der Plattform Talee. Foto: Dr. Oetker

Christmann über die Leidtragenden des derzeitigen Systems

Nicht gut ausgebildete Frauen auf der Karriereleiter seien die Leidtragenden des derzeitigen Systems, stellte er fest. Es seien auch nicht die Männer. Es seien im Gegenteil andere Frauen, die größtenteils aus dem Ausland kämen. Sie erst ermöglichten Managerinnen die Karrieren, indem sie die Arbeiten in Haushalt, Kindererziehung und Pflege von Angehörigen übernehmen. Für die Männer ändere sich erst einmal nichts. „Sie sind weiter weitgehend von der Hausarbeit befreit“, sagte Christmann. Die Auslagerung solcher Tätigkeiten ermögliche es den Männern, sich unverändert von diesen Aufgaben fern zu halten. Sie teilten einfach ihre Privilegien mit einer Gruppe von Frauen in gleicher Stellung. Einen Unterschied gebe es dann doch: Die meisten dieser Frauen müssten auch heute noch von der verbliebenen Hausarbeit den größeren Teil tragen. In diesem Zusammenhang plädierte Christmann dafür, dass grundsätzlich beiden erwachsenen Partner in einer Familie das gleiche Geld zustehen müsse. Wunschbild müsse sein, dass ein Gehalt für alle ausreiche.

Auslagerung der pflegerischen Arbeit sorge für Lücken

Die Auslagerung der häuslichen und pflegerischen Arbeit an osteuropäische Frauen führe dazu, dass sich in deren Heimat neue Lücken auftäten. „Diese werden meist von Großmüttern oder Töchtern aufgefüllt, also wieder von Frauen“, erklärte Christmann. Der Zeitpunkt für eine Veränderung sei möglicherweise gekommen, wenn das Lohnniveau in Osteuropa mit dem im Westen gleichziehe und die Frauen vor Ort eine gleichwertige Beschäftigung finden könnten.

Manuela Rousseau zeichnet ein anderes Bild

Ein ganz anderes Bild zeichnete die Gastreferentin Manuela Rousseau, stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende beim Kosmetikhersteller Beiersdorf und Autorin des autobiografischen Buchs „Wir brauchen Frauen, die sich trauen“. Sie selbst hat sich sehr viel getraut und hat es ohne Abitur und abgeschlossenes Studium nicht nur ins Top-Management, sondern auch zu einer Professur am Hamburger Institut für Kunst- und Medienmanagement geschafft.

Rousseau betonte auch gegenüber Christmann die fortdauernde Schlechterstellung von Frauen in Führungspositionen. Das betreffe sowohl das Finanzielle als auch die Aufstiegschancen in den Unternehmen. Deshalb sprach sie sich für Frauenquoten im Topmanagement aus. Außerdem müssten sich Unternehmerinnen und Managerinnen regional besser vernetzen und gegenseitig etwa als Mentorinnen unterstützen.

Patric de Hair widerspricht Christmann-These

Widerspruch zu einer These Christmanns kam von einem der wenigen anwesenden Männer bei der Veranstaltung: Patric de Hair, Vater eines neunmonatigen Babys und Leiter der Digitalisierung bei Schüco (Bielefeld). Wer Arbeit in Haushalt und Pflege ausgliedere, handle damit nicht unsozial, sondern schaffe Verdienstmöglichkeiten für andere. Wichtig sei, dass die Tätigkeit fair entlohnt werde. Im Übrigen würden in sehr vielen Familien beide Eltern arbeiten, „einfach weil sonst das Geld nicht ausreicht“. Grundsätzlich sei es aber richtig, die Berufstätigkeit von Mann und Frau nicht nur aus der unternehmerischen Brille zu bewerten, sondern auch die politischen, kulturellen, sozialen und allgemein gesellschaftlichen Folgen mitzudenken.

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