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Die Künstlerin Oona Kastner lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Bielefeld

»Meine Musik ist anstrengend«

Bielefeld (WB). Leichte Kost liefert sie nicht. Das will Oona Kastner auch gar nicht. »Meine Musik ist anstrengend«, sagt die Bielefelderin. Keine Töne zum Mitwippen, sondern musikalische Grenzerfahrungen.

Heinz Stelte

Oona Kastner bewegt sich musikalisch jenseits von Leichtigkeit und Mainstream. Foto: Thomas F. Starke

Grenzerfahrungen mit Erfolg. Mit gleich zwei Kollaborationen war Oona Kastner für die Drei-Monats-Bestenliste beim »Preis der Deutschen Schallplattenkritik« nominiert, als Duo »d.o.o.o.r.« mit dem Saxofonisten und Komponisten Dirk Raulf führt sie mit dem Album »Songs from a darkness« diese Liste in der Kategorie »Grenzgänge« an (das WESTFALEN-BLATT berichtete). »Das hat mich besonders deswegen gefreut, weil wir uns weit weg vom Mainstream bewegen«, erklärt Kastner.

Denn den »Mainstream« sieht die ausgebildete Pianisten kritisch. Ihre Musik fordert, ist immer Vorder-, nie Hintergrund. »Ich will Grenzen überschreiten, Gegenwelten aufzeigen«, nennt sie das. Und gesteht ein, dass man bei einer derartigen Herangehensweise »immer wieder auf vollkommen irritierte Ohren trifft«. »d.o.o.r.« zusammen mit Partner Dirk Raulf führt sie diese in der Kategorie »Grenzgänge« an (das WESTFALEN-BLATT beichtete).Zumindest Dr. Nikolaus Gatter, Juror beim »Preis der Deutschen Schallplattenkritik«, hat sich nicht irritieren lassen, urteilt über die »klanglich dunkle Nachtmusiken« von »d.o.o.r.«: »Verwirrend, destruktiv ... absolut hörenswert.«

Musikstudium in Essen

Dieses Urteil freut Oona Kastner. »Es ist schön, wenn man aus einer anderen Ecke Anerkennung bekommt.« Erst recht, wenn es eine derart »renommierte« Ecke ist. Und wenn die Kritik dann noch feststellt, dass die Musik »den aus dem Ruder gelaufenen Zeitgeist spiegelt.« Denn genau das, sagt die Musikerin, sei ein Grund ihrer Vorliebe für schwermütige Klänge: »Sie sind ein Spiegel der Weltlage.«

Die Weltlage war einmal eine andere, und die Musik Oona Kastners auch. Geboren in Emsdetten wächst sie in einem »klassischen Haushalt« auf, beginnt im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel. Nach der Schule schließt sich ein Klavier- und Oboestudium an der Folkwang-Musikhochschule in Essen an. »Dort schmolz meine Klassikvorliebe dahin,« erzählt sie. Die Studentin kommt mit freier Improvisation in Berührung, in Kontakt mit der Choreografin Pina Bausch, »all das hat meine Einstellung zur Musik verändert«. Eine Art Befreiung. Aus der klassisch ausgebildeten Musikerin wird die Performerin.

1989 kommt Oona Kastner nach Bielefeld. »Damals habe ich mir gesagt: Hier bleibe ich nur ein Jahr.« Daraus sind inzwischen 30 geworden. Denn Bielefeld erweist sich für die Musikerin als gutes Pflaster. Hier erhält sie die »Freiheit, meine Sachen zu machen« – neben der Musik auch Stimmausbildung, Körperarbeit, Installationen. »Mir war es immer wichtig, selbstständig zu sein, und das konnte und kann ich hier«, resümiert sie.

Diese »Selbstständigkeit« mündet immer wieder in Projekten mit anderen Musikern, vorzugsweise im Duo-Format (»Das mache ich besonders gerne«), so mit dem Cellisten Willem Schulz, dem Pianisten Markus Schwartze, dem tschechischen Schlagzeuger Pavel Fajt und eben mit ihrem »d.o.o.r.«-Partner Dirk Raulf.

Verstörende Coverversionen

Fixpunkt bei ihrer Arbeit ist der »Raum 1«, ihre Heimat im Art-Center in der Hans-Sachs-Straße, »quasi mein Zuhause«. Dort nimmt sie zum Teil ihre Alben auf, so auch ihr Debüt »Live Solo Vol 1« mit Songs von Leonard Cohen, Neil Young und der Band »Radiohead«. Wer jedoch originalgetreue Coverversionen erwartet, liegt falsch. Kastner transportiert die Kompositionen ihrer »Lieblinge« in den eigenen Klangkosmos, der ihrer Meinung nach viel besser zu den Texten passt. »Leonard Cohen schreibt so starke Texte, aber die passen gar nicht zu der eingängigen Musik.« So »befreit« sie die von ihr bearbeiteten Originale von ihrer Leichtigkeit, geht mit ihnen musikalisch an die Grenze der Wiedererkennung, und darüber hinaus.

»Je älter ich werde, desto mehr brauche ich diese Musik,« sagt sie und meint die von Juror Gatter beschriebenen schwermütigen, dunklen, destruktiven Klänge. »Das muss raus, das ist eine innere Leidenschaft.«

Für das musikalische Einerlei zwischen Hit- und Playlisten von Charts oder Streaming-Plattformen hat sie nichts übrig. »Das macht mich wütend, da mag ich nicht mitmischen.« Wenn Algorithmen über den Musikgeschmack der Masse entscheiden, sei das »eine Form von Diktatur, manipulativ«.

Abkehr von der Leichtigkeit

Oona Kastner ist der Gegenentwurf dazu, die Abkehr von der Leichtigkeit. Und sie will ihren Weg fortsetzen. So ist ein zweites »d.o.o.r«-Album in Planung, auf ihrem zweiten Solo-Life-Album wird sie unter anderem Songs von Nick Cave oder den »Nine Inch Nails« interpretieren. Mit dem Musiker-Kollektiv »The Dorf« steht sie im September zusammen mit der 85-jährigen amerikanischen Minimal-Musik-Legende Phil Niblock auf der Bühne und Elisabeth Masé, Ehefrau des früheren Bielefelder Kunsthallen-Chefs Thomas Kellein, hat sie gebeten, die Präsentation eines neuen Buches musikalisch zu gestalten.

»Das freut mich besonders, weil wir weit weg vom Mainstream sind, oft auf irritierte Ohren stoßen«, erklärt die Musikerin, für die das Duo-Format ein bevorzugtes Betätigungsfeld ist, ob mit dem Cellisten Willem Schulz, dem Pianisten Markus Schwartze, dem tschechischen Schlagzeuger Pavel Fajt oder eben mit dem Saxofonisten und Komponisten Dirk Raulf. Die Ergebnisse sollen immer auch »ein Spiegel der Weltlage« sein, wobei den Texten eine gewichtige Rolle zufällt – eigene, aber auch fremde.

Gerne sogar fremde. Auf ihrem Debut-Album singt Oona Kastner Songs von Leonard Cohen, Neil Young und der Band »Radiohead«, doch weit entfernt von originalgetreuen Coverversionen. »Cohen schreibt so starke Texte, aber die passen meiner Meinung gar nicht zur Musik, die ist mir zu eingängig.« Also transportiert die ausgebildete Pianistin die Songs in ihren eigenen Klangkosmos, »schwermütige, dunkle Nachtmusik«, wie Juror Dr. Nikolaus Gatter in seiner Begründung für den Platz in der Bestenliste des »d.o.o.r.«-Albums schreibt.

Eine Beschreibung, die durchaus auch auf die anderen Arbeiten von Oona Kastner zutrifft. Ihre Musik ist immer Vorder-, niemals Hintergrund, impliziert Zustimmung oder Ablehnung, kennt keinen keinen Mittelweg. Den will die Bielefelderin auch gar nicht, ihre Musik soll »Eintritt in eine Gegenwelt« sein, eine Gegenwelt zu massenkonformen Streaming-Klängen aus dem digitalen Musikalltag. »Da mag ich nicht mitmischen, was ich da höre, macht mich wütend«, sagt sie.

Das war nicht immer so. Geboren in Emsdetten, wuchs Oona Kastner in einem »klassischen Haushalt auf«, begann im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel. Nach der Schule folgte ein Klavier- und Oboe-Studium an der Folkwang-Musikhochschule in Essen. »Dort schmolz meine Vorliebe für Klassik dahin«, erzählt sie. Die Studentin entdeckte die freie Improvisation, kam in Kontakt mit Choreografin Pina Bausch, verließ die bekannten Pfade.

1989 kam die Musikerin nach Bielefeld, wollte eigentlich »nur ein Jahr bleiben«. Daraus sind inzwischen 30 geworden. »Hier habe ich die Freiheit, meine Sachen zu machen.« Es sei ihr wichtig, selbständig arbeiten zu können, und das sei hier möglich. Im Art-Center an der Hans-Sachs-Straße ist ihre künstlerische Heimat, »mein Zuhause«. Hier gibt sie Konzerte, aus denen Live-CDs werden, hier wurde das »d.o.o.r.«-Album »Songs from a darkness« aufgenommen, hier soll ihr nächstes Solo-Werk mit Liedern unter anderen von Nick Cave und »Nine Inch Nails« entstehen, wieder live, wieder vor Publikum. Auch ein neues Werk von »d.o.o.r.« ist in Planung, mit der Band »The Dorf«, eine Großformation mit bis zu 25 Mitspielern aus den Bereichen Jazz, Krautrock und experimenteller Musik, wird sie im September zusammen mit der 85-jährigen Minimal-Musik-Legende Phil Niblock in Dortmund auf der Bühne stehen, für die Präsentation des neuen Buches der Künstlerin Elisabeth Masé, Ehefrau des früheren Kunsthallen-Chefs Thomas Kellein, soll sie für die musikalische Untermalung sorgen.

Dabei sei sie immer auf der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen, nach neuen Grenzängen und -überschreitungen. »Je älter ich werde, desto mehr brauche ich diese Musik«, sagt sie. »Die Ohren müssen mit anderen Sachen gefüttert werden.«

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