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Blutige Messerstecherei an Bielefelder Plaßschule

16-Jähriger muss nicht ins Gefängnis: Bewährung nach Tötungsdelikt

Bielefeld

Der 16-jährige Jugendliche, der am 6. Mai vergangenen Jahres an der Schildescher Plaßschule einen Bielefelder (26) erstochen hatte, muss nicht in Haft.

Von Jens Heinze

Kripoermittler sichern am Abend des 6. Mai 2022  Spuren nach der tödlichen Messerstecherei an der Plaßschule. Foto:  Christian Müller

Das Jugendschwurgericht des Bielefelder Landgerichts verurteilte den 16-Jährigen wegen der Beteiligung an einer Schlägerei zu einer Jugendstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Das sagte Landgerichtssprecher Guiskard Eisenberg am Montag nach der Urteilsverkündung in nicht öffentlicher Sitzung.

Außerdem müsse der Schüler binnen drei Monaten ein Antiaggressions- und Antistresstraining beginnen und zusätzlich 60 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Staatsanwalt Christopher York hatte an seiner Anklage festgehalten und in seinem Schlussplädoyer sechs Jahre Haft wegen Totschlags für den 16-Jährigen gefordert. Die Richter konnten nach zweieinhalb Monaten Prozessdauer jedoch nicht feststellen, dass sich der junge Angeklagte eines vorsätzlichen Tötungsdelikts oder einer schweren, gefährlichen Körperverletzung mit tödlichem Ausgang schuldig gemacht hatte.

Vielmehr kam das Jugendschwurgericht zu der Feststellung, dass der 16-Jährige am Abend des 6. Mai bei einer Auseinandersetzung von drei zum Teil bewaffneten Männern in die Enge getrieben und umzingelt wurde. Diese hätten den Jugendlichen zunächst etwa 40 Meter weit über den Sportplatz der Schule getrieben, bis er mit dem Rücken zu einem Zaun gestanden habe, hieß es.

Als dann das Opfer einen Arm gehoben habe, habe der eingekreiste Jugendliche geglaubt, er werde mit einer Waffe angegriffen. Der Schüler versetzte dem 26-Jährigen, der bald Vater geworden wäre, mit seinem Messer einen Stich ins Herz und flüchtete. Wenig später stellte sich der Minderjährige in Begleitung seines Vaters der Polizei.

Der Junge saß zunächst gut sieben Monate lang in U-Haft und wurde, als sich beim Prozess abzeichnete, dass er nicht vorsätzlich einen Menschen getötet hatte, im Dezember aus dem Gefängnis entlassen.

Blumen, Kerzen und Wasserflaschen: Freunde und Bekannte des getöteten Bielefelders trauerten im Frühjahr 2022 auf dem Sportplatz der Plaßschule um den 26-Jährigen. Foto: Bernhard Pierel

Auslöser für die Auseinandersetzung an der Plaßschule mit einem Toten war ein am Tattag vorangegangener Streit unter Siebtklässlern der Martin-Niemöller-Gesamtschule. Nach einer Beleidigung sollte es nachmittags ein Versöhnungstreffen in Schildesche geben, bei dem aber der Beleidigte seinem Widersacher eine Ohrfeige versetzte und mit einer Eisenstange zuschlug, sagte der Gerichtssprecher.

Das dritte Treffen von zwei Jugendgruppen am 6. Mai abends an der Plaßschule eskalierte dann völlig. Nachdem alle Beteiligten zunächst friedlich auseinandergegangen seien, habe einer aus der Gruppe der Widersacher des Angeklagten seine Verwandtschaft gerufen, um aus Schildesche abgeholt zu werden, hieß es vom Gericht. Das spätere Opfer und weitere erwachsene Männer seien aufgetaucht, um die Sache endgültig zu „klären“.

Dabei hätten sie den 16-Jährigen irrtümlich für den Jungen gehalten, der am Nachmittag mit der Eisenstange zugeschlagen habe. Allerdings war der 16-Jährige bis dahin völlig unbeteiligt. Der junge Mann sei nur dabei gewesen, weil er mit beiden streitenden Siebtklässlern befreundet war, sagte sein Verteidiger Torsten Giesecke.

Wie an den Verhandlungstagen zuvor fand am Montag die Urteilsverkündung im Landgericht um die tödliche Messerstecherei an der Plaßschule unter Polizeischutz statt.   Foto: Jens Heinze

Der ganze Prozess fand unter Polizeischutz statt. Es hatte Drohungen aus dem Kreis der Opferfamilie, einem hiesigen Jesidenclan, gegen den mittlerweile aus Bielefeld verzogenen serbischstämmigen Angeklagten gegeben.

Zudem hatte ein 22-jähriger Bruder des Getöteten, der an der Auseinandersetzung am 6. Mai 2022 auf dem Sportplatz der Plaßschule beteiligt gewesen war, an einem Prozesstag ein Messer mit ins Justizgebäude bringen wollen, sagte der Gerichtssprecher. Die Stichwaffe sei ihm bei den Sicherheitskontrollen abgenommen worden.

Dieser Mann, der bei Tat im vergangenen Frühjahr den Angeklagten unmittelbar vor dessen tödlichem Stich mit einem Messer bedroht hatte, versuchte zudem, den mit seiner Familie zum neuen Wohnort heimfahrenden 16-Jährigen zu verfolgen - offenbar, um die dem Jesidenclan nicht bekannte Adresse des Jugendlichen herauszufinden. Das sei allerdings aufgefallen, sagte Verteidiger Torsten Giesecke auf Anfrage. Zwei Streifenwagen der Polizei hätten den 22-Jährigen am Steuer eines Autos abgefangen und gestoppt.

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