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Kammermusical »Daddy Langbein« spielt unterhaltsam mit einem Klischee

Mittellose junge Frau trifft Traumprinz

Bielefeld (WB). Wer wäre nicht hingerissen von dieser entwaffnenden Offenherzigkeit wie sie Jerusha Abbott an den Tag legt. Auch ihr Förderer Jervis Pendleton kann auf Dauer der Charmeoffensive des Waisenmädchens nicht widerstehen.

Uta Jostwerner

Mit entwaffnender Offenherzigkeit spielt sich Jeannine Michèle Wacker als das Waisenmädchen Jerusha Abbott in die Herzen des Publikums. Auch ihr Gönner Jervis Pendleton (Gero Wendorff) erliegt ihrer Charmeoffensive. Foto: Sarah Jonek/Theater Bielefeld

Doch genau darin liegt das Problem, mit dem es die beiden Protagonisten des kammerspielartigen Musicals »Daddy Langbein« zu tun bekommen. Pendleton hat sich bereit erklärt, der 18-jährigen Waise ein Literaturstudium zu finanzieren, was im Amerika des Jahres 1912 recht ungewöhnlich ist.

Um seinen Ruf nicht zu gefährden, hat er seinem Mündel strenge Regeln auferlegt: Es muss ihn monatlich über ihre Fortschritte per Brief informieren, wird aber seine Identität nie erfahren. Nun wendet sich aber Jerusha dermaßen persönlich und herzerfrischend an ihren Wohltäter, den sie für einen älteren Herrn hält und in Ermangelung seines wahren Namens Daddy Langbein nennt, dass dieser nicht umhin kommt, seine eigenen Regeln zu brechen.

Er stellt sich ihr als Onkel ihrer Kommilitonin Julia vor. Die beiden kommen sich näher und Jerusha schwärmt in ihren Briefen an Daddy Langbein offen von Jervis Pendleton, nicht ahnend, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. Doch da gibt es auch noch Billy, der Jerushas Aufmerksamkeit erregt. Ein Umstand, der bei Daddy Langbein alias Jervis Pendleton die Eifersucht weckt und zu immer neuen kuriosen Handlungen herausfordert.

Ein Jahr lang Rolle in »Sturm der Liebe«

In deutschsprachiger Erstaufführung ist das auf einem Briefroman von Jean Webster beruhende Musical von Paul Gordon jetzt am Theater Bielefeld zu erleben. In der heimeligen Atmosphäre des Lofts schlagen die Emotionen Kapriolen, scheinen die Gefühle geradezu greifbar zu werden. Gleichzeitig gelingt es Thomas Winter in seiner Inszenierung, den Blick in die Weite zu richten – etwa auf das ländliche Leben auf einer Farm oder auf die Glitzerwelt Manhattans. Der Ping-Pong-artig zwischen der Briefeschreiberin und ihrem Adressenten vorgetragene Text verleiht dem Musical zudem einen frischen Drive. Tweed und englisches Tuch der Upper Class (Kostüme Yulia Lebedeva) bilden das gesellschaftliche Korsett, innerhalb derer Grenzen sich die beiden Protagonisten bewegen.

Junge, kluge, aber mittellose Frau trifft einen Traumprinzen – das klingt nach TV-Seifenoper. Gerade daher kennen viele Zuschauer das Gesicht von Jeannine Michèle Wacker, die in »Sturm der Liebe« ein Jahr lang in die Rolle der Clara Morgenstern schlüpfte. Als Jerusha Abbott macht die junge Schauspielerin und Musicaldarstellerin aber jedes Klischee schnell vergessen. Da wirkt sie eher wie aus einem Roman von Jane Austen: Selbstbewusst, aber nicht ohne Selbstzweifel, offenherzig, aber nicht dumm, zielstrebig, aber nicht unverletzlich.

Faszinierend komplexe Persönlichkeit

Wacker verkörpert diese Eigenschaften überzeugend. Im Laufe des Stücks verdichtet sie all diese Facetten zu einer faszinierend komplexen Persönlichkeit. Stimmlich wie schauspielerisch strahlt sie eine ansteckende Lebendigkeit aus. Wortschwallartig schüttet sie, die Briefeschreiberin, ihr (Gefühls)-Leben vor ihrem Wohltäter – und dem Publikum – aus. Einfach unwiderstehlich.

In ihren Bann gerät auch Gero Wendorff, der dem Jervis Pendleton das Profil des zunehmend in Bedrängnis geratenden Wohltäters verleiht. Mag er am Anfang noch leicht gehemmt wirken, so spielt und singt sich Wendorff im Laufe des Premierenabends frei. Am Ende strahlt nicht nur sein Tenor, sondern auch der ganze »Kerl«.

Für klangliches Fundament, Sentiment und Spannung sorgt in bewährter Weise Musicalkapellmeister William Ward Murta am Flügel. Weitere Vorstellung dieser kurzweiligen Musicalentdeckung gibt es am 30. November, 2., 9., 22. Dezember, 14. und 18. Januar. Karten gibt es auch beim WESTFALEN-BLATT, Telefon 0521/52 99 640.

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