Live-Diskussion über die Zukunft des Kinos

Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde

Bielefeld

„Stirbt das Kino?“ Dieser Frage stellten sich am Dienstagabend die Bielefelder Kinoschaffenden Jürgen Hillmer (Lichtwerk/Kamera), Andrea Benarab (Cinemaxx), Katharina Ellerbrock (Off-Kino) sowie Dieter Kosslick, der ehemalige Chef der Berlinale.

Uta Jostwerner

Aufgabe der Kinobetreiber sei es, Gastlichkeit herzustellen und eine Ordnung in das Dickicht des Überangebots von Netflix und Co. zu bringen, sagt Jürgen Hillmer (Lichtwerk). Auch die Bielefelder Lichtspielhäuser sind seit gut einem halben Jahr geschlossen. Foto: Bernhard Pierel

In der Spitze verfolgten knapp 70 Teilnehmer zu Hause an den Bildschirmen der von Dr. Peter Stuckhard moderierten und aus dem Historischen Museum live übertragenen Diskussionsrunde. Initiiert wurde die Veranstaltung von der Bielefelder Stiftung Tri-Ergon Filmwerk.

„Das Totenglöckchen für das Kino läutet nicht erst seit Corona, sondern schon seit zwei bis drei Jahren. Denn die Streamingdienste machen das Kino kaputt“, konstatierte Dieter Kosslick. Zusammen mit der Pandemie ergebe sich ein unschöner Cocktail, so Kosslick. Kinofilme zu Hause zu konsumieren, würde zu einem schnellen Gewohnheitsprozess. Wenn ganze Generationen ohne Kinobesuche sozialisiert würden, dann entstünde für die Kinos ein negativer Effekt.

Dem hielt Jürgen Hillmer entgegen, dass die Gruppe der 30-Jährigen, die nachweislich am häufigsten Streamingdienste in Anspruch nehmen würde, gleichzeitig auch die Gruppe der meisten Kinobesucher stellen würde. Aufgabe der Kinobetreiber sei es, Gastlichkeit herzustellen und eine Ordnung in das Dickicht des Überangebots von Netflix und Co. zu bringen. Jürgen Hillmer: „Wir verstehen uns als Kuratoren, die einem Publikum, das wir gut kennen, eine ansprechendes Programm anbieten.“

In die Diskussionsrunde brachte Dieter Kosslick den Aspekt der Nachhaltigkeit ein. Öffentliche Förderungen von Kinos seien künftig daran gekoppelt, wie ökologisch nachhaltig Gebäude und betriebliche Angebote von Kinos seien. Kosslick: „Zuckerwasser und Popcorn an der Theke zu verkaufen, bedeutet das Ende der öffentlichen Kinoförderung.“

Diesbezüglich, so Hillmer, setze das Lichtwerk-Kino schon seit Jahren auf Naturstrom. Um Verpackungsmüll zu vermeiden, würden Gummibärchen und Nüsse zudem in großen Behältern gekauft und zum Verkauf in Glasbehälter umgefüllt.

Andrea Benarab räumte ein, dass in den Cinemaxx-Kinos immer noch ein großer Umsatz über den Verkauf von Popcorn und süße Waren gemacht würde. „Aber firmenintern gibt es Überlegungen, wie wir mehr Nachhaltigkeit auf den Weg bringen können“, so die Bielefelder Cinemaxx-Geschäftsführerin.

Im Off-Kino, so Katharina Ellerbrock, sei Nachhaltigkeit derzeit kein Thema: „Wir punkten mit einem Programm aus analogen Filmen.“

Schließlich bestimmten kulturelle Teilhabe bei prekären sozialen Verhältnissen die Diskussionsrunde. Nicht zuletzt nach der Pandemie, so Kosslick, sei es notwendig, sozialverträgliche Kulturangebote zu unterbreiten. Kultur, so der Cineast, sei erforderlich, um innerstädtisch brachliegendes Leben wieder neu zu beleben.

Kosslick regte zudem an, die zehn reichsten Unternehmen Deutschlands in einen Kulturfonds einzahlen zu lassen. Kosslick: „Der Staat hat in der Pandemie Unternehmen unterstützt, die vor Corona Milliarden Euro an Gewinn erwirtschaftet haben. Warum sollten die jetzt nicht in einen Kulturfonds einzahlen? Warum obliegt es immer dem Steuerzahler, Kultur zu finanzieren?“

Und weiter kritisierte Kosslick die Politik, die in Zeiten der Pandemie nie das Potenzial der kreativ tätigen Menschen eingefordert habe. „Warum hat man die Künstler nicht gefragt, mit welchen kreativen Konzepten anstelle von Verboten die Pandemie zu überwinden sei?“

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