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100 Tage Ehe auf Distanz oder wie ich das Coronavirus zu respektieren lernte

Normal ist relativ

Bielefeld/Turin (WB). Sturmtief „Sabine“ hatte Europa und den Flugplan fest im Griff. Eigentlich sollte es am 9. Februar aus Turin zurück nach Deutschland gehen. Doch dann wurde es chaotisch. Erst umgebucht auf den Abend, dann auf den nächsten Tag. Dann noch einen Tag länger in Frankfurt (statt über München) als zwischenzeitlich vorgesehen.

Oliver Kreth

Das Alpenpanorama bei Turin: Links die Mole Antonelliana, bei ihrer Fertigstellung 1889 das zweithöchste begehbare Gebäude der Welt (von links im Uhrzeigersinn). Die lange Trennung hinterlässt Spuren: WESTFALEN-BLATT Sportredakteur Oliver Kreth (Bielefeld) bei einem Facetime-Gespräch mit seiner Frau Carlotta (Turin). Und unverkennbar: die Sparrenburg in Bielefeld. Fotos: dpa, Thomas F. Starke Foto:

Die Lufthansa, sich selbst als Fünf-Sterne-plus-Fluglinie definierend, zwar kulant, aber unflexibel. Vier Taxifahrten, zwei Hotelübernachtungen später dann die nicht ganz unkomplizierte Landung in Paderborn-Lippstadt – am Mittwoch, statt am Sonntag. Ich war heftig genervt. Nur knapp einen Monat später sollte ich feststellen, wie relativ Dinge doch sind. Denn dann kam Corona. Und verkomplizierte mein Privatleben gewaltig.

Ausgangssperre in Turin 

Seit 100 Tagen habe ich meine Frau nicht live gesehen. Sie lebt und arbeitet in ihrer Geburtsstadt Turin, seit zehn Wochen hat Carlotta ihre Wohnung nicht verlassen, verlassen dürfen. Zumindest nicht „ohne triftigen Grund“. Nicht einmal ihre fitte 82-jährige Mutter hat sie besucht, die nur knapp 400 Meter entfernt wohnt.

So sehen es die Regeln vor. Die übrigens kontrolliert werden. Was manchmal zu skurrilen Szene führt. So stoppte die Polizei in Mailand ein Auto. Der junge Mann im Wagen hatte auf seiner schriftlichen Selbstauskunft, sie muss außerhalb der eigenen vier Wände mitgeführt werden, als Grund für seinen Aufenthalt außerhalb der Wohnung angegeben: Ich bin auf der Suche nach Drogen.

Irritiert von der Ungeduld der Deutschen 

Auch unser Haus auf dem Land ist für meine Frau noch tabu. In Sant’ Anna Boschi, 50 Kilometer nördlich von Turin, gibt es keinen Infizierten. Dort kann man keinem Menschen zu nahe kommen, es gibt einfach extrem wenige. In dem Dorf müsste man sie regelrecht suchen.

Das Haus hat Platz satt, drinnen wie draußen, die Gipfel einiger 2000er der Alpen sind keine sieben Kilometer zu Fuß entfernt. Aber das Haus war bis zum kommenden Wochenende unerreichbar, denn die Italiener dürfen nicht nur nicht ohne triftigen Grund ihre Wohnung nicht verlassen, selbst mit diesem müssen sie innerhalb ihrer Gemeinde oder Stadt bleiben.

Nicht nur angesichts dieser Einschränkungen in Italien und deren Dauer irritiert meine Frau die große Ungeduld der Deutschen. Die Zahlen der Infizierten und Toten (32.007 Menschen erlagen allein im Lieblingsurlaubsland der Deutschen dem Coronavirus, Stand Montag) haben einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen.

Zudem Bilder aus Bergamo, wo Särge in Armee-LKW verfrachtet werden mussten, weil es in der Stadt keine Möglichkeit mehr gab, die Leichen zu lagern, werden für sie unvergesslich bleiben. Italien war in den letzten Wochen in einer Art Kriegszustand. Die TV-Abendnachrichten wurden zum Frontbericht – mit der Verkündung der erschreckend hohen Zahl von Corona-Gefallenen. Teilweise waren es über 1000 am Tag.

Fliegen war vorher selbstverständlich

Darunter leidet auch die Wirtschaft. Seit 2008 extrem gebeutelt, zeigte sich in diesem Jahr ein kleiner Lichtschein am Ende des berühmten Tunnels. Und dann kam der Corona-Gau. Der Hauptkunde der Firma meiner Frau verlor an jedem Tag der Zwangsschließung rund 10 Millionen Euro. Fünf Wochen lang.

Wir erleben gerade alle, wie fragil vermeintliche Selbstverständlichkeiten sind. Fliegen zum Beispiel. Eine echte Erleichterung, wenn man die Strecke Bielefeld - Turin zurücklegen muss. Oder wenn meine Schwester, sie lebt seit 17 Jahren in Israel, unsere Mutter mit meinen Neffen in der Nähe von Köln besuchen will. Oder bei meinem Schwager, der zwischen Fuerteventura, Turin und dem Gardasee pendelt. Oder für die jüngere Nichte meiner Frau, wenn sie aus ihrem Studienort Barcelona zurück nach Italien will. Gegen Corona war „Sabine“ wirklich nur ein laues Lüftchen.

In Spanien sind die Einschränkungen fast so streng wie in Italien und werden wohl noch mindestens einen Monat so bestehen bleiben. Camilla hing Wochen in ihrem Studentenzimmerchen fest. Raus ging es nur auf eine Terrasse. Zu festgeschriebenen Zeiten, auf festgeschraubte Stühle. Jetzt darf sie manchmal an die Uni. Auf den Kanaren gibt es feste Zeitzonen, in denen man sich außerhalb seiner Wohnung bewegen darf – auch nachdem die Inseln von Touristen schon länger entvölkert sind.

Maximal drei Wochen bis zum nächsten Treffen

Wie wohl bei den meisten Menschen weltweit ist auch bei Carlotta und mir Corona das ganz große Thema. Dank moderner Medien ist zum Glück die Kommunikation deutlich leichter als zu Zeiten unserer Eltern. SMS, iMessage, Facetime, Whatsapp, Flatrate erlauben den regen Austausch. Darin sind wir geübt. Allerdings dauert diese Art der Kommunikation bei uns nie länger als 21 Tage am Stück. Das haben wir uns als Limit bis zum nächsten Live-Treffen gesetzt. Seit sechseinhalb Jahren.

Wann wir uns wiedersehen, ist derzeit ungewiss. Ach ja: Carlotta und ich wissen beide sehr wohl, dass es vielen anderen Menschen genau so geht, vielen sicherlich noch viel schlimmer. Zum Beispiel, wenn ein Angehöriger im Krankenhaus liegt oder ältere Verwandte in Pflegeheimen sind und diese lange nicht besucht werden durften und dürfen. Dennoch macht Corona uns mürbe. So hoffen wir jetzt auf spätestens Ende Juni/Anfang Juli. Nachdem die Fußball-Bundesligen ihre Spielzeiten ohne Zuschauer zu Ende gebracht haben, könnte das klappen für einen Sportredakteur.

Reger Austausch

Bis dahin werde ich meiner Frau noch viel erzählen über die relative Normalität in Bielefeld. Von der neu entdeckten Begeisterung der Deutschen für das Wandern. Vom Grillen draußen mit den Nachbarn – Sicherheitsabstand! Über die auch mich irritierende Unvernunft nicht geringer Teile der Bevölkerung, die offensichtlich keine Sorge vor einer zweiten Corona-Welle und den damit zu befürchtenden noch gravierenderen Folgen für unser Land haben.

Und Carlotta wird wohl genauso häufig erzählen, wie entsetzt sie über das Verhalten ihrer Mitbürger ist, die trotz weiter wirklich erschreckender Zahlen schon wieder so tun (wollen), als wäre Normalität eingekehrt.

Natürlich schauen wir auch aus egoistischen Gründen auf dieses nicht nachvollziehbare Verhalten. Ein weiterer Lockdown in Teilen Deutschlands oder der Schweiz oder in Italien würde unser Wiedersehen möglicherweise auf unbestimmte Zeit verschieben. Auch per Auto ist Turin derzeit aus Bielefeld nicht unkompliziert zu erreichen. Nichte Ludovica kann noch immer nicht nach Monte Carlo, wo sie normalerweise mit ihrem Freund lebt.

Rücksicht auf andere nehmen

Und damit wenigstens wir ein gutes Vorbild sind und die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei uns möglichst gering ist, beschränken wir weiter unsere Aufenthalte außerhalb unserer Wohnungen auf das Nötigste. Meine Frau trägt dann zudem immer eine Maske. Die meisten Lebensmittel kauft sie online.

Ich betrete weiterhin nicht das Haus meiner Nachbarn, die Kinder meines besten Freundes haben schon lange verstanden: Ollis Wohnung ist derzeit tabu. Wir tun dies im gegenseitigen Respekt. Oder aus Sorge um unsere Eltern, die aus verschiedenen Gründen Teil der Hauptrisikogruppe sind.

Der größte Horror für mich wäre, sollte ich meine Mutter anstecken und sie deshalb sterben. Danach wäre für mich den Rest meines Lebens nichts mehr normal. Selbst wenn vieles um mich herum schon längst wieder normal wäre.

Deshalb, wenn Sie, lieber Leser, bis hierhin durchgehalten haben: Passen Sie auf ihre Lieben auf – und bleiben Sie gesund.

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