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Flaschenpost-Übernahme und Kündigungen bei Durstexpress rufen Kritik am Bielefelder Mutterkonzern hervor

Oetker weist Vorwürfe zurück

Bielefeld/Münster

Die Übernahme des Getränkelieferdienstes Flaschenpost und damit einhergehende Kündigungen bei der eigenen Tochter Durstexpress bescheren dem Bielefelder Oetker-Konzern viel Kritik. Vorwürfe kommen von betroffenen Mitarbeitern und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Der Oetker-Konzern sieht sich zu Unrecht am Pranger.

Oliver Horst

Ein Flaschenpost-Mitarbeiter liefert Getränkekisten aus. Oetker integriert die Tochter Durstexpress in den für rund eine halbe Milliarde Euro übernommenen Lieferdienst. Foto: imago

Fortgeführt werden soll das Geschäft künftig nur noch unter dem Namen Flaschenpost – mit zunächst 29 Lagern in 25 deutschen Städten sowie knapp 12.000 Mitarbeitern. Flaschenpost hatte allein 22 Standorte mit rund 8000 Beschäftigten, Durstexpress kam auf 4000 Mitarbeiter in zehn Städten.

Im Zuge der Zusammenführung beider Unternehmen im ersten Halbjahr sollen drei Durstexpress-Lager mit mehr als 1000 Beschäftigten geschlossen werden. Konkret geht es um die Standorte Berlin-Tempelhof, Leipzig und Bochum. Flaschenpost-Sprecher Martin Neipp erklärte auf Anfrage, dass in allen Städten mit Mehrfachpräsenzen anhand „objektiver Kriterien wie der Mikro- und Makro-Lage, Verkehrsanbindung sowie Infrastruktur“ analysiert worden sei, „ob eine Beibehaltung aller Lager möglich oder eine Anpassung notwendig ist“. Ziel sei, eine bestmögliche Logistik und Auslieferung an den Kundenstamm sicherzustellen. Neipp: „Dabei bleibt bundesweit die deutliche Mehrzahl der Lager bestehen.“

Bei den Durstexpress-Standorten, die künftig un­ter dem Namen Flaschenpost weiterarbeiten, würden alle Mitarbeiter im Zuge eines Betriebsübergangs zu den bisherigen Konditionen weiterbeschäftigt. Die Mitarbeiter der drei von Schließung betroffenen Lager sind über ihre Kündigung informiert worden. Sie seien „eingeladen, sich bei der Flaschenpost zu bewerben“. Ziel sei, einem Großteil „neue Beschäftigungsangebote zu unterbreiten, sodass es schlussendlich keinen wesentlichen Personalabbau geben wird“, sagt Neipp.

In der Belegschaft rumort es indes. „Die Mitarbeiter sind stinksauer“, sagt Jörg Most, Geschäftsführer der NGG Leipzig-Halle-Dessau. Den Beschäftigten drohten bei einer Neueinstellung weniger Lohn, schlechtere Arbeitsbedingungen und schlechterer Kündigungsschutz. Statt eines festen Monatseinkommens bei Durstexpress gebe es Stundenlöhne und ein intransparentes Bonussystem. Die Schließung des Standorts in Berlin stellt die NGG zudem in Zusammenhang mit einer geplanten Betriebsratsgründung. Flaschenpost habe einen gewerkschafts- und betriebsratsfeindlichen Ruf.

Neipp weist die Vorwürfe zurück. Alle Flaschenpost-Mitarbeiter verdienten „bereits zum Start deutlich über Mindestlohn und haben die Möglichkeit, je nach Betriebszugehörigkeit und Leistungszulagen schnell mehr zu verdienen“. Zudem seien die Löhne in der Logistik nach einer Erhöhung im Dezember zum 1. Februar nochmals angehoben worden. „In der Konsequenz erwartet die Mehrheit der Durstexpress-Mitarbeiter bei Flaschenpost bessere Gehaltsbedingungen samt Bonussystem.“ Auch existierten bei Flaschenpost Betriebsräte in der Zentrale in Münster und am Standort Düsseldorf – bei Durstexpress habe es keine Betriebsräte gegeben.

Oetker-Sprecher Dr. Jörg Schillinger betont, dass „wir als Unternehmen bekannt sind, bei dem der Mitarbeiter im Mittelpunkt steht. In der Oetker-Gruppe ist die Mitbestimmung durch Ar­beitnehmervertretungen gelebte Praxis.“ Er sagt aber auch: Im Konzern „wird jedes Unternehmen eigenständig geführt und muss sich den jeweiligen Marktgegebenheiten stellen“. Im konkreten Fall seien Amazon oder das Start-up Gorillas Wettbewerber.

Schillinger zufolge verdienen „rund 70 Prozent der Durstexpress-Mitarbeiter bei einem Wechsel zu Flaschenpost mehr als bisher“. Gewisse Einbußen könne es vereinzelt für Fahrer geben, die in Vollzeit arbeiten.

Für Oetker hat der Lieferdienst strategisch große Bedeutung – rund eine halbe Milliarde Euro zahlten die Bielefelder, obwohl Flaschenpost 2019 bei 93 Millionen Euro Umsatz einen Verlust von 70 Millionen einfuhr. Es ist aber ein weiterer Absatzweg für den Konzern, der mit der Brauereigruppe Radeberger als Nummer eins im deutschen Biermarkt gilt. Aber auch alkoholfreie Getränke gehören zum Sortiment. Zudem liefert Flaschenpost längst auch Lebensmittel und mehr. Auch der Vertrieb von Müsli, Backprodukten oder Tiefkühlpizzen aus dem Hause Oetker ist damit möglich. Und Flaschenpost macht keinen Hehl daraus, weiter wachsen zu wollen.

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