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Selbst der Bundespräsident lobt die neue Art der Gedenkkultur in der Süsterkirche

Ort zum Innehalten und Nachdenken

Bielefeld (WB). Pfarrer Bertold Becker ist selbst überrascht. Aber die Veränderung in der Gedenkkultur, die sich in der Süsterkirche am neu gestalteten Eingangsbereich unter der Überschrift »Neue Wege« zeigt, ist deutschlandweit einmalig.

Burgit Hörttrich

Durchs Glas (links) geblickt:  Im Eingangsbereich der Süsterkirche laufen letzte Vorbereitungen zur Freigabe. Foto: Bernhard Pierel

Das erkennt selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an, der der Evangelisch-Reformierten Gemeinde schreibt, die Neugestaltung rege an zum »Nachdenken und Nachfragen«. Gleichzeitig bedankt er sich bei all denen, die die »Neuen Wege« mit ihrem Engagement möglich gemacht hätten.

Innerhalb eines Jahres nämlich kamen 200.000 Euro zusammen, so dass der Ort der anderen Gedenkkultur am Sonntag, 1. September, dem Tag, an dem 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, mit einem Friedensgottesdienst (10.15 Uhr) eingeweiht werden kann.

Seit März war der Eingangsbereich durch Planen vom Kirchenraum getrennt. Dort, unter der Orgelempore, gab es Gedenktafeln aus sechs Kriegen. Diese Gedenktafeln seien, so Becker, »in der Sprache und Symbolik der Täter« gehalten. Die Tafeln würden so unkommentiert das »Gedankengut ihrer Zeit widerspiegeln«, Kriege verherrlichen.

Die Gemeinde schrieb einen künstlerischen Wettbewerb aus, bei dem der Entwurf von Prof. Thomas Kesseler gekürt wurde.

Gedenktafeln erinnern an die Gefallenen aus der Gemeinde

Die Gedenktafeln wurden zum Teil neu gehängt, verschiebbare Glasscheiben davor gesetzt, die zum einen Distanz schaffen sollen, zum anderen aber auch die Namen der Gefallenen auf diesen Tafeln weiterhin sichtbar machen. Auf den Scheiben stehen Worte wie Toleranz, Trauer, Zerstörung, Zwang, Erlösung und Zitate aus dem Vaterunser wie »Dein Reich komme« oder »Vergib uns unsere Schuld« – und zwar in den Sprachen der Völker, die am Kriegsgeschehen beteiligt waren.

Die Gedenktafeln erinnern an die Gefallenen aus der Gemeinde: die des Zweiten Weltkrieges (195), des Ersten Weltkrieges (172), die der Kriege gegen Frankreich und Dänemark (1813/1815, 1864/1866, 1870/1871). Eine Tafel ist dem Reiter Alfred Tiemann gewidmet, der 1905 in Deutsch-Südwest (heute Namibia) gefallen ist. Becker spricht vom »ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, den an den Herero und Nama.«

Freigelegt wurde ein Fenster, es gibt jetzt einen barrierefreien Zugang über eine Rampe in den Kirchenraum, der Aufgang zum Turm wurde ebenso wie andere spätgotische Elemente frei gelegt. Friederike Kasack, Vorsitzende des Presbyteriums: »Es wurde aufgeräumt, wirkt heller und einladender.«

»Allein hätten wir das Projekt niemals stemmen können.«

Zeitgleich mit den Arbeiten im Eingangsbereich seien auch die bleiverglasten Fenster erneuert worden. Eigentlich ungeplant. Die Kosten: rund 150.000 Euro. Weiter vorgesehen sei ein neues Beleuchtungskonzept für die Kirche. Friederike Kasack: »Aber erst in einem nächsten Schritt.« Sie lobt die gute Zusammenarbeit zwischen Mark Brüning vom Kirchenkreis, Prof. Thomas Kesseler, dem Preisträger, und Architekt Markus Bergediek.: »Allein hätten wir das Projekt in der Kürze der Zeit niemals stemmen können.«

Bertold Becker wünscht sich, dass ein Ort zum Innehalten und Nachdenken entstanden ist, der den Blick schärft, aber »ohne den Mittelpunkt des Kirchenraums mit Abendmahltisch und Bibel zu verdecken«.

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