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Folge 6: Stühle mit geschnitzten Lehnen als Erinnerung an Bielefelds „wechselnde Größe“

Platzhalter im alten Landratsamt

Bielefeld

Die ursprüngliche Anzahl der Stühle, in deren Rücklehnen all' die Kirchdörfer, Bauerschaften, Gemeinden, Ämter eingeschnitzt worden waren, steht nicht sicher fest. Sicher ist nur, dass im Laufe der Jahrzehnte der ein oder andere Stuhl verloren gegangen ist, möglicherweise bereits bei der Zerstörung des alten Landratsamtes am Kesselbrink im Zweiten Weltkrieg vernichtet und nicht mehr ersetzt wurde. Heute steht ein Teil der Stühle – 16 – im Neuen Rathaus.

Von Burgit Hörttrich

Um 1900, schätzt Dr. Jochen Rath, Leiter des Bielefelder Stadtarchives, seien die Stühle mit den eingeschnitzten Gemeinde- und Amtsnamen wohl entstanden – für das ehemalige Landratsamt und Kreishaus, das zu jener Zeit am Kesselbrink stand. Heute steht ein Teil der Stühle im Neuen Rathaus. Foto: Bernhard Pierel

Alle Folgen der Serie 50 Jahre „Bielefeld-Gesetz“ - Vom Kreis zur Großstadt sind auf unserer Sonderseite zu finden.

Dr. Jochen Rath, Leiter des Bielefelder Stadtarchives, plädiert dafür, die Stühle dem Historischen Museum anzuvertrauen: „Im Rathaus haben sie niemals gestanden.“ Auch nicht im Alten Rathaus. Und dort, diesen Wunsch aus Politik und Verwaltung gibt es, sollen sie hin.

Rath schätzt, dass die Stühle aus der Zeit um 1900 stammen. 1891 nämlich wurde ein repräsentatives Gebäude am Kesselbrink eingeweiht, in dem das Landratsamt gemeinsam mit der Kreisverwaltung untergebracht war.

In die Lehnen eingeschnitzt wurden die Namen von Gemeinden, die heute noch als Ortsteile Bielefelds bestehen und von solchen, die bei der kommunalen Neuordnung, die am 1. Januar 1973 in Kraft trat, zum Beispiel dem Kreis Gütersloh zugeschlagen wurden. Die Stadt hatte bereits 1907 kleinere Gebietszuwächse zu verzeichnen – auf Kosten des Kreises. 1930 wurden dann Gellershagen, Schildesche, Sieker und Stieghorst eingemeindet. Als zum 1. Januar 1970 das Amt Brackwede aufgelöst wurde, wurden Isselhorst, Hollen, Ebbesloh und Niehorst dem Kreis Gütersloh zuerkannt.

Ursprünglich, vermutet Rath, müssten alle diese Ortschaften einen eigenen Stuhl für ihren Repräsentanten gehabt haben. Das Stadtarchiv verfügt über ein Foto, das die Stühle 1956 im Kleinen Sitzungssaal des damals erst wenige Jahre alten Kreishauses an der August-Bebel-Straße zeigt. Vermutlich seien sie in der Nachkriegszeit neu gepolstert worden. Zuerst nämlich bestanden Sitzfläche und Lehne aus Leder, heute aus einem grünbläulichen Stoff.

In die Lehnen sind die Ortsteilnamen eingeschnitzt. Foto: Bernhard Pierel

Es existieren noch Stühle, die Namen von Orten zeigen, die seit Jahren nicht mehr zu Bielefeld gehören, zum Beispiel Isselhorst und Niehorst. Schriftzüge wie Nieder-Jöllenbeck, Ober-Jöllenbeck, Lämershagen-Gräfinghagen, Vilsendorf, Milse, Babenhausen, Deppendorf oder „Groszdornberg“ (mit sz geschnitzt) zieren die Lehnen.

Die Stühle sollen eine Zeitlang an der Körnerstraße eingelagert gewesen sein – solange, bis das Neue Rathaus bezugsfertig war. 1988 wurde der letzte Bauabschnitt eröffnet. Seitdem stehen die historischen Stühle im Foyer des Großen Saales, erinnern an Bielefelds wechselnde „Größe“ – im räumlichen Sinne.

Serie „Vom Kreis zur Großstadt“

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