Die Bielefelder Familie Oppenhäuser erlebt ein kleines, vorösterliches „Wunder“

Plötzlich ist der Stall voller Karnickel

Bielefeld (WB)

Woher die Eier stammen, ist im Hause Oppenhäuser geklärt. Dass der Osterhase dafür nicht zuständig ist, haben Henri Oppenhäuser (8) und sein Bruder Michel (5) im eigenen Garten gelernt: Ihre Hühner legen die Eier – ganz bestimmt. Ihre Kaninchen dagegen „legen“ nur kleine, braune Köttel. Aber um die Kaninchen rankt sich trotzdem eine Geschichte.

Markus Poch

Genügend Platz für Mensch und Tier: Foto: Thomas F. Starke

Es war im August 2020, als Julia Oppenhäuser (39) glaubte, ihre beiden Söhne seien jetzt verantwortungsvoll genug, um ihnen den Wunsch nach Haustieren zu erfüllen. Von einem Züchter erstand sie zwei hellbraune, neun Wochen alte Zwergkaninchen. Die Jungs waren begeistert: Das Männchen, Rasse Löwenköpfchen, tauften sie auf den Namen Rabbat, das Weibchen, ein Farbenzwerg, sollte Sydney heißen.

Einige Tage später brachte Julia Oppenhäuser die Kaninchen zum Impfen und wollte Rabbat gleich kastrieren lassen. Denn ihr Mann Johann (40), Unternehmer, hatte nur zwei Tieren zugestimmt. Eine ganze Bande wollte er nicht haben.

Das Problem: Der Tierarzt konnte Rabbats Hoden nicht finden. „Und was soll er kastrieren, wenn nicht den Hoden?“, fragt Julia Oppenhäuser schmunzelnd. „Ich habe mich also mit dem Gedanken angefreundet, dass Rabbat und Sydney wohl beides Weibchen sind“, sagt sie. „Die Tiere vertragen sich. Es gibt keinen Krieg im Stall.“

Stolze Mutter mit erstem Nachwuchs (von rechts): Sydney, Möhrchen und Caspar am Fressnapf. Foto: Thomas F. Starke

Apropos Stall: Im Herbst bekamen die Kaninchen ein sieben Quadratmeter großes Freilandgehege mit allen Schikanen – Kuschelecke, Toi­lette, Versteck- und Fressplätzen, Wasserschale sowie Frischluft rund um die Uhr. „Die üblichen Ställe waren uns zu klein und nicht sicher genug“, erklärt Julia Oppenhäuser. Die tierliebe Mutter hatte ihren Nachbarn Michael Seidel davon überzeugen können, aus Holz, Draht und Kunststoff die optimale Höhle zu zimmern.

Die ist geräumig, abwechslungsreich und von allen Seiten mit Maschendraht gegen unliebsame Besucher wie Greifvögel, Katzen oder Marder gesichert. Mutter Oppenhäuser und ihre Söhne reinigen das Gehege alle zwei bis drei Wochen, bestücken es dann mit frischem Rollrasen, Hanfmatten, Buchenspänen und Sand.

Vegetarische Feinschmecker

Zu fressen gibt es saftiges Grünfutter wie Möhren, Fenchel, Petersilienwurzel, Pastinaken, Kohlrabi- und Bambusblätter, Löwenzahn, Kräuter und Heu; dazu Stückchen von Apfel, Birne und Melone. Dann kam die Überraschung im vegetarischen Feinschmeckerstall – am Freitag, 12. Februar.

„Es war der kalte Wintereinbruch“, erzählt Julia Oppenhäuser. Bei einer nächtlichen Kontrolle entdeckte sie fünf kaum daumengroße Kaninchen-Babys in der Kuschelecke. Sie waren noch nackt und blind und zappelten umeinander wie ein paar dicke Raupen. Dass Sydney schwanger und Rabbat doch ein Männchen war, hatte niemand bemerkt. Plötzlich waren Oppenhäusers Karnickel zu siebt – eine „tolle Fügung in schwierigen Corona-Zeiten“. Sogar Ehemann Johann fand das „süß“.

Am Morgen wurde Rabbat von seiner Familie getrennt, um das Weibchen und die Nestlinge zu schützen. Später beim Tierarzt musste er sich dann auch von seinem Hoden trennen. Derweil säugte Sydney ihre ersten fünf Jungen nach allen Regeln der Kunst, konnte aber nicht vermeiden, dass zwei Jungtiere körperlich zurückblieben. Am siebten Tag stellte Julia Oppenhäuser deren Tod fest. Sydney hatte sie bereits aus dem Nest geworfen.

Zweite Überraschung im Stall

Die Hausfrau war traurig und machte sich Vorwürfe. Was hatte sie bloß falsch gemacht? „Meine Kinder sind mit dieser Situation ganz anders umgegangen“, berichtet sie. Die wähnten die toten Kaninchen-Babys in Sicherheit beim lieben Gott. Henri: „Jetzt sind die da oben auf den Wolken und können den Regenbogen runterrutschen, so oft sie wollen.“

Die Kaninchenbande war also auf fünf Tiere zusammengeschrumpft. Die drei Säuglinge Möhrchen, Cookie und Caspar entwickelten sich aber prächtig. Am Sonntag, 14. März, folgte die nächste Überraschung im Stall: Henri stellte fest, dass „seine“ sonst so zärtliche Sydney plötzlich aggressiv reagierte. Sie hatte auch damit begonnen, sich selbst Fellbüschel auszureißen. Ein Blick in die Kuschelecke brachte die Erkenntnis: Es ist wieder Nachwuchs da!

Dieses Mal hatte Sydney sechs Babys zur Welt gebracht. „Rabbat muss also unmittelbar nach der ersten Entbindung schon wieder über sie hergefallen sein“, erklärt Julia Oppenhäuser voller Mitleid. „Denn danach haben wir die beiden ja getrennt und später war er schon kastriert.“

Wollen bald ihren Stall erkunden: Mit drei Wochen werden viele Kaninchen bereits munter. Foto: Thomas F. Starke

Wie dem auch sei: Derzeit pflegen die Oppenhäusers stolze elf Karnickel und werden sich wohl bald von einigen trennen müssen. Denn um alle zu behalten, „bräuchten wir schon den ganzen Garten“, weiß Henri, und das würden seine Eltern kaum genehmigen.

Am Osterwochenende werden die jüngsten Nager drei Wochen alt. Sie sind inzwischen so groß wie Hamster, und weil sie ihre Augen bereits geöffnet haben, geht Julia Oppenhäuser davon aus, dass sie das Nest in Kürze verlassen werden, um den Stall zu erkunden.

Derweil hofft ihr Sohn Michel darauf, dass der Osterhase, wenn er schon keine Eier bringt, am Sonntag wenigstens ein paar Süßigkeiten für sich und seinen Bruder im Garten versteckt.

Startseite