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»AnnenMayKantereit« spielen im ausverkauften Forum in Bielefeld

Politische Rockpoeten

Bielefeld (WB). »Die Vögel scheißen vom Himmel und ich schau dabei zu«, schreit Henning May in der ersten Textzeile des Openers dem Publikum im ausverkauften Forum entgegen.

Kerstin Panhorst

Von der Schülerband zu ernstzunehmenden Deutschrockern: AnnenMayKantereit haben den großen Schritt geschafft. Foto: Kerstin Panhorst

Eine kluge Wahl, denn das Stück »Marie« vom neuen Album »Schlagschatten« packt alles in knapp vier Minuten, was AnnenMayKantereit von der Masse der deutschen Popmusiker abhebt. Liebe, Tod und Sehnsucht, politische Unsicherheit und das Gefühl einer Welt am Abgrund werden thematisiert. Musikalisch wird gerockt und zugleich ein tanzbarer Shuffle geboten. Rohe, ungefilterte Zeilen treffen auf moderne Poesie. Im selben Atemzug, in dem May die Vögel vom Himmel scheißen lässt, liefert er eine Rilke-Hommage: »Ich glaub’, mein Blick ist vom Vorüberziehen der Städte so müde, dass er nichts mehr hält. Mir ist, als ob es tausend Städte gäbe und hinter tausend Städten keine Welt«.

AnnenMayKantereit lassen musikalisch den urbanen Panther aus sich raus und sind noch immer eine der interessantesten deutschen Bands. Das beweisen die Kölner, die 2016 mit ihrem Debüt »Alles nix Konkretes« und den Hits »Oft Gefragt« und »Pocahontas« einen kometenhaften Karrierestart hinlegten, gerade mit ihrer Clubtour. Die mehr als 40 Konzerte ihrer Tour waren schon kurz nach Verkaufsstart nahezu ausverkauft, auch das im Bielefelder Forum.

Angefangen haben die drei Gründungsmitglieder, aus deren Familiennamen sich der Bandname zusammensetzt, 2011 während ihrer Schulzeit am Schiller-Gymnasium in Köln-Sülz.

Inzwischen gehört auch Bassist Malte Huck zur Band um Gitarrist Christopher Annen, Schlagzeuger Severin Kantereit und Sänger Henning May. In Bielefeld hatten die vier zudem ihren Kumpel Ferdi als Gasttrompeter mit dabei – ebenso zahlreiche Stücke vom neuen Album.

In »Nur wegen Dir« geht es um die Diskrepanz zwischen Traum und Wirklichkeit, in »Weiße Wand« liefert die Band ihr Statement zur Flüchtlingspolitik. »Ich fahr’ schwarz in ‘nem weißen Land, obwohl ich mir die Reise leisten kann. Und ich schau’ mir die Schlagzeilen an und irgendwas hat sich eingebrannt. Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand – auch wenn ich das nicht vergleichen kann«, singt Henning May mit seiner unverwechselbar rauchig-kaputten Stimme, die nach Whiskey und Aschenbecher, nach 50 Jahren harter Lebenserfahrung klingt und nicht nach einem 27-Jährigen. Und die den Sound von AnnenMayKantereit ausmacht und ihn erdet, verhindert, dass in manchen Momenten der pathetischen Betroffenheitslyrik das Pathos überhandnimmt.

Am Ende gibt es für die Fans nur wenig zu kritisieren am Konzert – »zu kurz« und »zu wenig Platz zum tanzen« lautet das Fazit. Aber für Letzteres liefert die Band gleich selbst die Begleitmusik mit »Ich geh’ heut nicht mehr tanzen«.

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