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Gold, Silber und Sparbücher in Bielefeld erbeutet: Prozess gegen falsche Polizistinnen

Rentnerin um Millionen-Vermögen gebracht

Bielefeld (WB). Lediglich eine dreiviertel Stunde hatten falsche Polizisten benötigt, um eine Seniorin (81) aus Bielefeld-Gellershagen am Telefon so in Angst und Schrecken zu versetzen, dass sie fast ihr gesamtes Vermögen im Wert von 1,039 Millionen Euro an die Betrüger übergab. Es verschwanden Goldbarren, -münzen, Silber und Sparbücher der Pensionärin.

Jens Heinze

Die beiden Angeklagten verdecken ihre Gesichter. Daneben sitzen ihre Verteidiger (von links) Martin Mauntel, Christina Peterhanwahr und Carsten Ernst. Foto: Bernhard Pierel

Seit Mittwoch stehen die zwei mutmaßlichen Beute-Abholerinnen der falschen Polizisten vor dem Bielefelder Landgericht. Die Kripo spürte die Bielefelderin (31) und ihre Freundin (29) aus Ganderkesee bei Bremen gut acht Wochen nach der Tat über die Auswertung von Handydaten auf. Die zwei Frauen belasten sich vor der 1. Großen Strafkammer gegenseitig der Haupttäterschaft. Die Bielefelderin räumte ein, zwei voll mit Wertsachen bepackte Reisetaschen beim Opfer abgeholt zu haben. Die 29-Jährige will die Funktion des Sicherungsposten übernommen und im Auto auf die Komplizin mit der Millionenbeute gewartet haben.

Die Tat ereignete sich in der Nacht vom 13. zum 14. Mai vergangenen Jahres in einem großen Wohnblock in Gellershagen . Kurz vor Mitternacht riefen sogenannte „Keiler“ (diese von der Türkei aus agierenden Kriminellen, die perfekt Deutsch sprechen, sollen die Opfer „keilen“) die 81-Jährige an. Ein „Kommissar Lehmann“ und ein zweiter falscher Polizist tischten der pensionierten Beamtin im Wechsel eine Horrorgeschichte auf. Demnach sei in ihrem Wohngebiet eine rumänische Einbrecherbande unterwegs. Ein Ehepaar in der Nachbarschaft sei bereits überfallen und verletzt worden. Jetzt seien die Rumänen zur Pensionärin unterwegs, wollten sie ausrauben und umbringen.

„Ich hatte furchtbare Angst. Ich habe mit fliegenden Händen alles, was ich hatte, in meine Reisetaschen reingeschmissen“, berichtete die 81-Jährige im Zeugenstand vor Gericht. Sie schilderte, wie perfide die Täter am Telefon vorgegangen waren. Die falschen Polizisten logen der betagten Frau vor, dass man sie und ihre Wertsachen in Sicherheit bringen wolle. Dafür müsse sie ihr gesamtes Vermögen zusammen packen, auf eine „Polizistin Sabine“ warten und ein Codewort nennen.

„Da wurde immer noch was drauf gelegt, was mir Angst machte“, sagte die Pensionärin. So hätten die Anrufer aus der Türkei am Telefon ein angeblich von der Polizei abgefangenes Handygespräch der Einbrecher vorgespielt. „Die Täter wären auf dem Weg zur alten Frau, sie würden mich niedermachen“, zitierte die Gellershagenerin den Inhalt. Sie sei ausgefragt worden, ob sie alleine lebe und wie es um ihr Vermögen bestellt sei. „Erst wollte ich gar nicht antworten“, sagte die 81-Jährige. Aber „Kommissar Lehmann“ habe so gezielt Fragen gestellt.

Gegen 23.45 Uhr am Tatabend sollen die falschen Polizisten bei der 81-Jährigen angerufen haben. Nach nur 45 Minuten hatten die Kriminellen die Seniorin so in Angst und unter Druck gesetzt, dass sie im Treppenhaus am Fahrstuhl stand und ihr Millionenvermögen an die ihr völlig unbekannte „Polizistin Sabine“ übergab.

Als niemand kam, um auch sie in Sicherheit zu bringen, wurde die Pensionärin misstrauisch und rief nach etwa 30 Minuten die echte Polizei. Da war ihr Vermögen längst weg. Das Edelmetall soll nach Köln gebracht und eingeschmolzen worden sein.

„Die Frau hat hart gearbeitet und extrem sparsam gelebt“, sagte Staatsanwältin Ilona Trüggelmann, wie die 81-Jährige zu ihrem Vermögen kam. Gegen die türkischen Hintermänner der Beuteabholerinnen werde ermittelt.

Der Prozess geht weiter. Das Urteil soll im September fallen.

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