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Uni-Serie, Folge 39: Swantje Lahm arbeitet am Zentrum für Lehre und Lernen

»Schreiben führt zu Gedanken«

Bielefeld (WB). Schreiben ist auch Denken, sagt Swantje Lahm. »Denn man kann beim Schreiben Gedanken entwickeln, die man sonst nicht gehabt hätte.« Die 44-Jährige arbeitet am Zentrum für Lehre und Lernen der Universität Bielefeld. Ihre Aufgabe ist, die »literalen Kompetenzen« Studierender zu fördern.

Sabine Schulze

Swantje Lahm bricht eine Lanze dafür, in der Lehre viele Schreibanlässe zu schaffen. Das trage zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Studieninhalten bei und strukturiere die Gedanken, sagt die 44-Jährige mit Überzeugung. Foto: Bernhard Pierel

Lesen und Schreiben sei im Studium etwas anderes als in der Schule, erklärt sie. »Es ist an der Uni mit fachlichem Handeln verknüpft.« Lesen wissenschaftlicher Texte bedeutet also nicht nur Faktenwissen aufzunehmen, sondern auch, Argumentationslinien nachzuvollziehen und die Struktur eines Textes zu erfassen. »Oft müssen Studenten erst einmal begreifen, dass es vielleicht nicht sinnvoll ist, solche Texte auf dem Handy zu lesen, weil da der Überblick fehlt.«

Zum Lesen kommt an der Universität aber auch das Schreiben. Katastrophal findet es Swantje Lahm, wenn der erste längere Text angehender Akademiker ihre Bachelorarbeit ist. »Eine schreibintensive Lehre trägt zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Studieninhalten bei«, erklärt sie. Und diese Schreibanlässe sollten von Studienbeginn an von den Dozenten geschaffen werden.

»Man könnte aber auch mit einem Glossar anfangen«

»Natürlich gibt es Studienangebote wie ›Techniken wissenschaftlichen Arbeitens‹. Aber das sind dann oft ungeliebte Zusatzveranstaltungen und quasi Trockenübungen. Besser ist es, wenn das Schreiben Teil der regulären Lehrveranstaltungen ist und in den Fächern eingeübt wird.« Denn das erleichtere, ist sie überzeugt, den Einstieg in die Fachwissenschaft.

Die Mitarbeiter des Zentrums für Lehre und Lernen versuchen, mit den Fakultäten ins Gespräch zu kommen, wie das Schreiben »multipliziert« werden könne. Sicher, gesteht Swantje Lahm zu, sei das auch eine Frage der Kapazitäten der Lehrenden. Aber sie ist überzeugt, dass der Einsatz sich lohnt.

Ganz simpel könnten Dozenten nach Vorlesungen kurze Protokolle verfassen lassen, die die Studierenden dann gegenseitig gegenlesen. »Man könnte aber auch mit einemGlossar anfangen oder zu einem Thema drei verschiedene Gliederungen erstellen lassen. Nach und nach können dann weitere Textaufgaben eingeführt werden.« Denn letztlich müssten Studenten auch an eine Wissenschaftssprache, die eben keine saloppe Alltagsprache ist, herangeführt werden. Ein Soziologieprofessor etwa, erzählt die 44-Jährige, setze den Studierenden eine Frist, zu der alle Hausarbeiten eines Seminars vorliegen müssen. Die werden dann alle von allen Kommilitonen gelesen. »Wenn etwas nicht schlüssig ist, unscharf formuliert wurde oder wenn es hakt, lernt jeder davon für seine eigene Arbeit.«

»Man will doch auch anderen etwas mitteilen.«

Denn wissenschaftliches Schreiben, betont Swantje Lahm mit Leidenschaft, sei nicht l’art pour l’art und reiner Selbstzweck: »Man will doch auch anderen etwas mitteilen, in einen Diskurs einsteigen und Stellung beziehen.« Davon, sagt sie, profitieren nicht nur die Studenten: Auch für die Dozenten sei es doch deutlich angenehmer, einen gut formulierten und strukturierten Text zu lesen.

Die 44-Jährige hat Bücher zum Thema verfasst: zum Schreiben in den einzelnen Fächern und zum Schreiben in der Lehre. »Darauf habe ich Reaktionen von wildfremden Leuten bekommen, die das Buch nutzen«, freut sie sich.

Wer nun vermutet, dass sie selbst Pädagogin oder Germanistin ist, irrt: Sie ist aus ihrer Heimatstadt Heilbronn wegen der »osteuropäischen Studien« an die Universität Bielefeld gekommen und hat auch ein Jahr in St. Petersburg gelebt. Bei einem zweiten einjährigen Aufenthalt in Baltimore, USA, lernte sie dann ein anderes Milieu kennen und befasste sich mit der Frage, wie Wissenschaft zu Wissen kommt und wie Forschungsprozesse ablaufen. 2002 kam die 44-Jährige dann zum Zentrum für Lehre und Lernen der Uni.

In ihrer Freizeit spielt Swantje Lahm, die (fast) alle Wege mit dem Fahrrad zurücklegt, Cello. Außerdem nimmt sie gemeinsam mit Nachbarn im Winzer’schen Garten am Johannisberg an einem Projekt teil und zieht dort zum Vergnügen eigene Tomaten und Kartoffeln. »Und schließlich bin ich leidenschaftliche Tante von vier Patenkindern zwischen anderthalb und neun Jahren.«

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