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Bielefelder Modehersteller will Zukunft mit Landesbürgschaft sichern

Seidensticker streicht 80 Stellen

Bielefeld (WB). Die Auswirkungen der Corona-Krise belasten den traditionsreichen Bielefelder Hemden- und Blusenhersteller Seidensticker schwer. Auf Umsatzeinbrüche von rund 20 Prozent reagiert das Unternehmen mit dem Abbau von weiteren 80 der noch 220 Stellen am Stammsitz. Neben 60 betriebsbedingten Kündigungen sollen 20 in den nächsten Monaten durch Verrentungen freiwerdende Stellen nicht wiederbesetzt werden. Zudem soll eine Landesbürgschaft die Zukunft des Unternehmens sichern.

Oliver Horst

Gerd-Oliver Seidensticker und Dr. Silvia Bentzinger, die das operative Geschäft der Marke leitet, kämpfen an der Spitze des Hemden- und Blusenherstellers um die Zukunft. Foto: Bernhard Pierel

„Die Bekleidungsbranche ist von den Folgen der Corona-Krise in besonderer Weise betroffen. Derzeit können wir nicht abschätzen, wann sich der Markt stabilisiert, gehen aber davon aus, dass das Konsumverhalten über mindestens ein Jahr sehr zurückhaltend sein wird“, erklärt Gerd Oliver Seidensticker als geschäftsführender Gesellschafter der Gruppe. Schon in dem am 30. April zu Ende gegangenen Geschäftsjahr 2019/20 büßte das Unternehmen gegenüber dem Vorjahr rund 20 Prozent seines Umsatzes ein, beliefen sich die Erlöse noch auf 140 Millionen Euro. Im März und April schlug dabei der Lockdown mit Umsatzeinbrüchen von bis zu 80 Prozent durch.

Auch im laufenden Geschäftsjahr wird ein weiterer Umsatzrückgang von rund 20 Prozent auf noch etwa 110 Millionen Euro erwartet. Die Zukunft der schon zuletzt mit Millionenverlusten kämpfenden Unternehmensgruppe solle mittels einer NRW-Landesbürgerschaft gesichert werden, teilte das Unternehmen mit. Zur Höhe der Bürgschaft wollte sich eine Firmensprecherin nicht äußern. Auch die drei Familiengesellschafter der dritten Generation, Gerd Oliver und sein Cousin Frank Seidensticker sowie Nicole Seidensticker-Delius, brächten Beiträge zur Finanzierung auf.

„Aufgrund der aktuellen Herausforderungen sieht sich das Unternehmen trotz allem dazu gezwungen, die derzeitige Kostenstruktur in den kommenden Monaten noch einmal konsequent anzupassen. Die erforderlichen Maßnahmen werden auch mit einem erneuten Personalabbau einhergehen müssen“, hieß es. Mit Betriebsrat und Gewerkschaft sei ein Paket mit Abfindungen und einer Transfergesellschaft vereinbart. Der Stellenabbau erstrecke sich auf alle Bereiche der Zentrale. Neben weiterer Digitalisierung sollen Aufgaben ausgelagert werden. Seidensticker stelle sich „somit wesentlich schlanker auf“, erklärt Dr. Silvia Bentzinger, die seit Jahresbeginn das operative Geschäft leitet. Schon Anfang 2019 waren in Bielefeld 120 Jobs gestrichen worden – vor allem, weil Seidensticker die Lizenz für die Marke Camel active verloren hatte.

Bereits im Mai sprach Gerd Oliver Seidensticker unter dem Eindruck der Corona-Krise von der „ernstesten Situation“ in der 101-jährigen Firmengeschichte. Seinerzeit kündigte das Unternehmen auch die Einstellung der Premiummarke „Jacques Britt“ zum Winter an, um Kosten zu sparen. Es will sich nun voll auf die Marke Seidensticker sowie das Geschäft als Auftragsfertiger für Handelsmarken konzentrieren.

In der Gruppe sind insgesamt rund 2300 Mitarbeiter beschäftigt. Neben der Zentrale in Bielefeld betreibt die Gruppe ein Beschaffungsbüro in Hongkong und vier Produktionsstätten in Vietnam und Indonesien.

„Als Familienunternehmen fallen uns diese Entscheidungen besonders schwer – jedoch sind sie zwingend notwendig, um die Zukunft unseres Unternehmens zu sichern“, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter Frank Seidensticker.

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