1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Sport als Propaganda für NS-Staat

  8. >

Historischer Rückklick des Bielefelder Stadtarchivs: Helmut Henschel schaut auf die Olympischen Spiele von 1936

Sport als Propaganda für NS-Staat

Bielefeld

Die Olympischen Spiele 1936 sind ein Symbol für die Verquickung von Politik und Sport, für die Vereinnahmung eines sportlichen Großereignisses durch die Nationalsozialisten. Um die Spiele in das Bewusstsein der „Volksgemeinschaft“ zu rücken, wurden propagandistische Instrumente genutzt – auch in Bielefeld. Helmut Henschel hat dem im Historischen „Rückklick“ des Stadtarchivs nachgespürt.

Werbeheft des Propagandaausschusses für die Olympischen Spiele. Auch die Glocke auf dem Bild reiste durch das Land und wurde in Bielefeld gezeigt. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Die Vergabe der Olympischen Spiele 1931 nach Deutschland hatte eine große Mehrheit gefunden; dass sie 1936 dann im Winter in Garmisch-Partenkirchen und im Sommer in Berlin ausgetragen wurden, wurde noch einmal fraglich: Mit der „Machtergreifung“ der NSDAP im Januar 1933 kamen Zweifel auf, ob sich die Richtung der neuen Reichsregierung und der olympische Gedanke vertrügen. Aber auch in Parteikreisen war Olympia verpönt: Adolf Hitler hatte 1932 im Zusammenhang mit den Spielen von einem „Komplott aus Freimaurern und Juden“ gesprochen. Dann aber, so Henschel, gewann mehr und mehr der Gedanke an Kontur, die mit dem Sportereignis verbundene internationale Beachtung für die eigene Profilierung zu nutzen.

Mannschaftsquartiere nach Stadtmotiven gestaltet

Bereits im Dezember 1934 hatte das Olympische Komitee einen Entwurf vorgestellt, wie die deutschen Städte bei der Gestaltung des Olympischen Dorfes zu beteiligen seien – finanziell und bei der künstlerischen Gestaltung der Gebäude. So sollten die Quartiere der einzelnen Mannschaften nach den beteiligten Städten benannt und typische Stadtmotive auf die Hauswände gebracht werden. Die Reaktion der angeschriebenen Städte war wegen der Kosten eher zurückhaltend. Vermutlich deshalb, meint Henschel, sei das „Haus Bielefeld“ nur mit einer Tonplatte mit dem Motiv eines Spinnrades verziert worden.

Das Innere schilderten die Westfälischen Neuesten Nachrichten: „Die Innenräume sind mit Wandmalereien aus dem Leben der alten Ravensberger Spinner und Weber und mit Bildern aus der Bielefelder Heimat geschmückt.“ Über jedem Bett hänge eine Vergrößerung Bielefelder Stadtansichten wie Sparrenburg, Johannisberg, Oetkerhalle oder Rathaus.

„Die Jugend ruft die Welt“

Bewohnt wurde das Haus von den peruanischen Sportlern, die aber nicht bis zum Schluss blieben: Die gesamte Mannschaft reiste nach einem Eklat während eines Spieles der Fußballer vorzeitig ab.

Zur Konzeption des Berliner Olympiageländes gehörte auch ein Glockenturm. Die dazugehörige Glocke mit der Inschrift „Ich rufe die Jugend der Welt“ wurde in Bochum gegossen und im Januar 1936 aus dem Ruhrgebiet nach Berlin überführt – mit Stopps entlang der Strecke und am Abend des 17. Januar auch auf dem damaligen Schillerplatz zwischen Rathaus und Stadttheater. Die Rede zum Anlass hielt der „Führer des Reichsbundes für Leibesübungen, Ortsgruppe Bielefeld“ Emil Casselmann: „Möge dein Klang von Deutschland aus in die unruhevolle, haß­erfüllte und waffenklirrende Welt hinausschallen und die Völker der Erde ermahnen, daß es höhere Ziele gibt, als Ländergier und Kriegsgeschrei.“ Im Rückblick grotesk, urteilt Henschel.

7000 Menschen sahen die Olympia-Ausstellung

Kaum hatte die Glocke die Stadt verlassen, machte am 21. Januar der „Olympia-Zug“ mit einer vom Propagandaausschuss für die Olympischen Spiele entwickelten Ausstellung auf dem Kesselbrink Halt. Die Ausstellung zeigte Filmausschnitte der Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen, Modelle und Pläne des Reichsportfeldes und ging auf die Historie der Olympischen Spiele ein. Binnen zweier Tage sahen 7000 Menschen die Ausstellung. Belegt sei durch Schulchroniken, dass Schüler des Ratsgymnasiums und Schülerinnen der Cecilienschule den Kesselbrink besuchten, schreibt Henschel. Von letzterer wurden vorrangig die guten Turnerinnen ausgewählt, da das Kartenkontingent begrenzt war.

Unmittelbar vor der Eröffnungsfeier der Spiele am 1. August fand ein vom „Reichssportführer“ veranstalteter Sternflug statt, bei dem der 1930 eröffnete Flugplatz in der Senne (neben 80 weiteren Flugplätzen) als Wertungs- und Auftankplatz vorgesehen war. Etwa 150 Flieger aus dem Deutschen Reich sollten innerhalb täglich vorgegebener Zeitfenster vom 28. bis 30. Juli über individuell ausgewählte Routen zum Flugplatz Rangsdorf bei Berlin gelangen und so für Olympia und den „deutschen Flugsport“ werben. Zu denen, die die Senne ansteuerten, gehörten die Pilotin Alix Willisch aus Bonn, der General der Flieger Erhard Milch (1892-1972) und der Sportflieger und Luftwaffenangehörige Hans Seidemann (1902-1967). Nach drei Flugtagen hatten 90 Maschinen Bielefeld angeflogen. Bei aller Begeisterung darüber merkte die Westfälische Zeitung allerdings an, man hätte den „Gästen aus dem Wolkenland während ihres kurzen Aufenthaltes auf dem Flugplatz eine kleine Erfrischung reichen sollen, etwa eine Tasse Kaffee und einige Brötchen oder ähnliches.“

Ausländische Flieger landen in Bielefeld

Diese Gelegenheit bot sich bereits einige Tage später: Der sogenannte „Touristikflug Nr. 2“ führte am 9. August in der Mehrheit ausländische Flieger von Berlin nach Bielefeld und von dort weiter nach Bremerhaven. Allerdings ging in diesem Fall das Programm über Kaffee und belegte Brötchen hinaus: Die 25 Piloten wurden von Oberbürgermeister Fritz Budde persönlich begrüßt und nach einem Essen auf dem Johannisberg zum Hermannsdenkmal, dem Donoperteich und zur Übernachtung nach Bad Salzuflen gefahren. Sie sollten ein durchweg positives Bild der „Peripherie“ außerhalb Berlins erhalten.

Aber es reisten auch Bielefelder nach Berlin zu den Spielen, deren Radioübertragung im Übrigen auf dem Alten Markt über Lautsprecher verbreitet wurde. So gab es über „Kraft durch Freude“ Tickets, und Sonderzüge fuhren nach Berlin. Das „Sporthaus Friedrich Berke“ wies in Zeitungsanzeigen darauf hin, dass das Geschäft am 8. August geschlossen sei, da die Belegschaft einen Betriebsausflug zu den Olympischen Spielen unternehme.

Bielefelder Radrennfahrer bei den Olympischen Spielen

Tatsächlich gab es auch einen „Bielefelder“, der an den Olympischen Spielen teilnahm: Heinrich Hasselberg (1914-1989) war als Radrennfahrer Teil des deutschen Teams in der Mannschaftsverfolgung über 4000 Meter, das den vierten Platz erreichte und knapp eine Medaille verpasste. Der kaufmännische Angestellte stammte allerdings aus Bochum und war erst im Dezember 1935, vermutlich wegen Komplikationen im Betrieb der Bochumer Radrennbahn, nach Bielefeld gezogen. Grund war möglicherweise seine Bekanntschaft mit dem Bielefelder Radrennfahrer Heinz Wengler (1912-1942), denn bei ihm fand Hasselberg in der Apfelstraße 51 eine Unterkunft. Schon im September 1936 zog Hasselberg wieder nach Bochum.

Startseite