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Archäologen graben sich in Bielefeld durch die 2000 Jahre alte Wallanlage

Spurensuche im römischen Marschlager

Bielefeld (WB). Diese Meldung Anfang Mai war eine Senstation: Der Niederländer Jansen Venneboer hatte am Computer auf einem Geländemodell in Sennestadt ein Marschlager aus der Römerzeit entdeckt. In mehreren Arbeitseinsätzen haben sich Archäologen seitdem durch die Bodenschichten im Wald gegraben.

Peter Bollig

Archäologin Bettina Tremmel zeigt den Befund der Untersuchung: Etwa 40 Zentimeter erhebt sich neben ihr der einst gut doppelt so hohe Wall. In den Graben davor wurde später wieder Sand eingetragen, der sich grau verfärbt hat. Foto: Bernhard Pierel

 Als der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) den Fund – nach eigener Einschätzung einzigartig in Westfalen – vor gut vier Monaten bekannt gab, lag die Entdeckung bereits zwei Jahre zurück. Die Fachleute der Archäologie-Abteilung des LWL arbeiteten danach nahezu unbemerkt nur wenige Meter vom Eingang der Bildungsstätte Haus Neuland im bewaldeten Gelände, suchten die fast 25 Hektar große Fläche des Römerlagers mit Metallsonden ab und nahmen einen ersten Grabungsschnitt vor.

Inzwischen hat das Grabungsteam um Dr. Bettina Tremmel, Referentin für provinzialrömische Archäologie beim LWL, einen zweiten Schnitt auf einer Breite von 1,5 und einer Länge von zehn Metern in den sandigen Boden gegraben. Und zwar dort, wo das Geländemodell, das mit moderner Technik die Oberflächenstruktur zeigt, Bewuchs und Bebauung aber weglässt, den Wall samt Graben darstellt, der die Existenz dieses Lagers offenbart. In der jüngsten Grabungsaktion in der vergangenen Woche wurde der Einschnitt noch einmal vertieft und verlängert.

Am Menkhauser Bach durch den Teutoburger Wald

Von dem einst 80 bis 100 Zentimeter hohen Wall sind noch etwa 40 Zentimeter sichtbar, wie Bettina Tremmel erläutert. Dass vor dem Wall ein 80 Zentimeter tiefer Graben lag, verrät der Schnitt, den das fünf- bis zehnköpfige Grabungsteam aus Archäologen, Grabungstechnikern, Studenten und Helfern mit Kratzern behutsam in den Boden arbeitet. An den Verfärbungen im Erdreich sehen die Fachleute, wo vor 2000 Jahren ein Graben war, aber auch wo Tiere ihre Gänge gegraben haben oder wo es moderne Bodeneingriffe gab. »Weil hier nie geackert wurde, ist so viel vom Wall erhalten«, freut sich Tremmel.

In einzelnen Kampagnen wurde 2018 eine Woche lang gegraben, im Frühling 2019 waren es zwei Wochen, jetzt noch einmal vier Tage. Und die bisherigen Erkenntnisse? Drei Legionen, rund 15.000 Mann, haben auf ihrem Feldzug für eine Nacht das Lager gebaut, dafür die 1400 Meter lange Wallanlage um das Lager herum errichtet, Holzpfähle – die sie später wieder mitnahmen – hineingesteckt, um wilde Tiere und mögliche Feinde draußen zu halten. Tremmel zufolge waren die Legionen wohl auf dem Weg von der Lippe Richtung Weser, wo bereits ein weiteres Römerlager gefunden wurde. Sie nutzten den Menkhauser Bach in Sennestadt für die Wasserversorgung und das Bachtal, das sie in Höhe des Senner Hellwegs durchquert haben dürften, als Verbindung durch den Teutoburger Wald.

Auf dem Weg zur Weser

Die Archäologen vermuten: Das Lager bei Porta Westfalica in 40 Kilometern Entfernung war die übernächste Station, weil die Legionäre täglich etwa 20 Kilometer marschierten. »Der Fund in Sennestadt erhärtet unsere Vermutung, dass es bei Löhne ein weiteres Römerlager geben dürfte«, sagt Tremmel. Denn diese Station liegt auf halber Strecke bis zur Weser. Ob in Sennestadt die Legionen des Varus ihre Zelte aufschlugen, die 9 nach Christus in der Schlacht mit den Germanen unter Arminius vernichtet wurden, ist unklar. Es sind die beiden so genannten Clavicula-Tore im Wall, die eine zeitliche Einordnung erlauben, wie Tremmel sagt. Sie seien typisch für das erste Jahrzehnt nach Christus, als erst Tiberius, später Varus römische Befehlshaber in Germanien waren.

Funde wie Münzen, Zeltheringe oder Nägel aus den Sandalen der Legionäre haben die Forscher bisher nicht gemacht. Sie hoffen, auf einen Feldbackofen zu stoßen, auf eine Latrine oder eine Abfallgrube. Sondierungsgrabungen verliefen bislang aber negativ. Ein Rätsel gibt der aktuelle Grabungsschnitt auf: So haben die Römer immer einen Wall und einen Graben um ihr Lager gezogen. »An dieser Stelle verläuft zwar der Wall, der Graben ist aber auf einer Breite von etwa 1,4 Metern unterbrochen«, sagt die LWL-Referentin. Für ein Tor sei diese Unterbrechung zu schmal. Was sie bedeutet, soll bald eine Erweiterung der Grabung zeigen.

Museen wollen die Funde thematisieren

In weiteren Kampagnen wollen die Archäologen das Römerlager weiter erforschen, allerdings nur punktuell Grabungen vornehmen, wie Dr. Bettina Tremmel vom LWL erklärt. Weil das Areal bewaldet ist, seien großflächige Grabungen nicht möglich.

Die Grabungsschnitte werden nach der Untersuchung wieder zugeschüttet. Um die Anlage mit dem heute noch sichtbaren Wall der Öffentlichkeit zu erläutern, könnten an einzelnen Punkten Schilder aufgestellt werden, sagt Tremmel. Am Haus Neuland soll eine Tafel informieren, in der Bildungsstätte selbst soll Info-Material ausgelegt werden. Zudem sei eine Zusammenarbeit mit dem nahen Freilichtmuseum in Oerlinghausen, das über die Lebensweise der Germanen informiert, geplant. Es wäre sehr spannend, dort auch den Gegensatz zu den Römern, vor 2000 Jahren die Gegenspieler der germanischen Stämme, aufzuzeigen. Auch die Landesausstellung im Landesmuseum Detmold soll ab 2021 den Fund aus Sennestadt thematisieren.

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