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Gemeinde gibt Gotteshaus auf – Stiftung Möllerstift investiert, die VHS Senne zieht ein – mit Video

Stadt nutzt jetzt die Christuskirche

Bielefeld (WB). Dass die Kirche im wahrsten Wortsinn im Dorf bleibt, ist angesichts vieler überzähliger Gotteshäuser nicht mehr selbstverständlich. Häufig bleibt nur der Abriss, weil Investoren und Architekten Schwierigkeiten haben, nach der klerikalen eine weltliche Nutzung unter den Kirchturm zu bringen. In der Senner Christuskirche scheint das zu gelingen – und profitieren soll die Allgemeinheit.

Peter Bollig

VHS-Kurse und Kulturveranstaltungen finden demnächst dort statt, wo seit 1956 Gottesdienste gefeiert wurden. Foto: Peter Bollig

Das Lokal »Glückundseligkeit« in der früheren Martini-Kirche gilt gemeinhin als Bielefelder Paradebeispiel für eine nachkirchliche Nutzung. Die Realität sieht meistens anders aus, bei katholischen und evangelischen Gemeinde gleichermaßen. Die infolge sinkender Mitgliederzahlen überzähligen Kirchen werden meist an andere Glaubensrichtungen abgegeben oder abgerissen, die Flächen verkauft.

Die Christuskirche an der Buschkampstraße wird in dieser Hinsicht eine weitere Besonderheit in Bielefeld. Denn die Stadt will sie für kulturelle und andere öffentliche Veranstaltungen nutzen, möchte sie der Nebenstelle Senne der VHS zur Verfügung stellen. Möglich macht dies das Engagement eines Bielefelder Unternehmers: Dr. Peter von Möller (Möller-Group) übernimmt mit seiner Stiftung Möllerstift als Investor den notwendigen Umbau. Gestern Abend sind den Mitgliedern der evangelischen Emmaus-Gemeinde die Pläne erstmals vorgestellt worden.

Die Glocken läuten weiter

Die wichtigste Botschaft aus der Gemeindeleitung: »Die Kirche bleibt erhalten«, sogar die Glocken werden in Zukunft weiter läuten. »Von außen wird es nur wenige Veränderungen geben«, sagt Denis Rauhut, Geschäftsführer der Möller Real Estate. Die Immobilientochter der Möller-Group wird den Umbau organisieren und später die Gebäudeunterhaltung übernehmen. »Die Fenster werden vergrößert, von außen wird ein Fahrstuhl angebaut«, sagt Rauhut.

Der größere Teil des Umbaus konzentriert sich auf das Innere der Kirche. Insbesondere im Bereich der Empore sollen Räume abgeteilt werden. Der Kirchenraum selbst soll als Saal erhalten bleiben. Auch dort »wollen wir zurückhaltend vorgehen«, erklärt Denis Rauhut. Wie mit dem Altarraum umgegangen wird, sei noch nicht ganz klar. Der Stiftung Möllerstift sei es wichtig, die Beteiligten bei der weiteren Planung mit ins Boot zu holen. Im kommenden Jahr, vielleicht auch erst 2021, soll der Umbau abgeschlossen sein. Rauhut: »Wir wollen zügig arbeiten, haben aber auch keine Eile.«

Ein Renditeobjekt sei diese Investition für die Stiftung nicht, aber sie verschenke auch nichts, sagt der Geschäftsführer. Die Förderungvon Bildung, in diesem Fall die Nutzung durch die VHS, entspreche durchaus dem Zweck der Stiftung Möllerstift. Es sei aber auch der gute Kontakt zwischen Peter von Möller und Pfarrer Berthold Schneider, die schon bei vielen Spendenprojekten zusammengearbeitet haben, der zu der Realisierung dieses Projektes geführt habe.

Vereinbart wurde, dass die Stiftung das Kirchengebäude für 30 Jahre mietet, die notwendigen Investitionen übernimmt und es an die Stadt Bielefeld weitervermietet. Die Unterzeichnung der Verträge steht unmittelbar bevor.

Vor etwa zwei Wochen haben sich Presbyterium und Stiftung Möllerstift entsprechend verständigt. Dem Vernehmen nach gab es zuvor auch andere Angebote. Die allerdings zielten meist darauf, die Kirche abzureißen oder auch das Christusgemeindehaus dazuzubekommen. Zudem hätten auch religiöse Gruppen nachgefragt. Nach den Vorstellungen einiger Interessenten sollten dort Wohnungen entstehen, Seminar- oder auch Lagerräume.

Entwidmung im Juni

Durch die 30-jährige Vermietung bleibe die Kirche »mindestens eine Generation lang stehen«, betont die Gemeindeleitung. Bei dieser Lösung bleibe außerdem das an die Kirche angrenzende Gemeindehaus für Gottesdienste erhalten, ebenso der Keller mit den Jugendräumen unter der Kirche. Auch erhalten werden sollen einzelne besondere Kirchenfenster. Ob das Wandmosaik im Altarbereich nur abgedeckt oder anders konserviert wird, ist noch offen. Die Orgel soll veräußert werden, auch die Kirchenbänke stehen zum Verkauf.

Bevor das geschieht, wird die seit Weihnachten 2017 nicht mehr genutzte Kirche ein letztes Mal Ort eines Gottesdienstes sein, wie die Gemeindeführung gestern erläuterte. Voraussichtlich Ende Juni wird die 1956 eingeweihte Kirche nach festgelegtem Ritus entwidmet, werden kirchliche Gegenstände ins Gemeindehaus rübergetragen, dem neuen Gottesdienstort im Bezirk Christus.

Dass an diesem Gebäude »viele Gefühle« der Gemeindemitglieder, aber auch anderer Nachbarn hängen, sei verständlich, sagte Pfarrer Berthold Schneider unlängst zu den anstehenden Veränderungen. Daher sei es wichtig, die Betroffenen da mitzunehmen. Tröstlich sei auch: »Eine Kirche ist ein profanes Gebäude. Wichtiger ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die ihre Gottesdienste eigentlich überall feiern können.«

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