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Nach langem Leerstand ist das frühere Lastenausgleichsamt in Bielefeld-Brackwede abgerissen worden

Stadt überplant Barackengelände

Bielefeld

Im Brackweder Zentrum im Süden Bielefelds ist ein attraktives Grundstück frei geworden: Hinter dem Heimathaus, Cheruskerstraße 1, hat die Stadt einen maroden Flachbau abreißen lassen. Dort waren bis Mitte der 80er Jahre Akten des Bielefelder Lastenausgleichsamtes untergebracht. Nach ihrer Räumung stand die Immobilie leer und vergammelte hinter wild wuchernden Efeu-Ranken fast bis zur Unsichtbarkeit.

Markus Poch

Ein letzter Blick in die Archivregale des früheren Ausgleichsamtes: Nach wenigen Stunden war das marode Gebäude abgerissen. Foto: Markus Poch

Die hölzerne Leichtbau-Konstruktion der frühen 50er Jahre hatte dem Bagger jetzt nicht mehr viel entgegen zu setzen: Nach wenigen Stunden war die 200 Quadratmeter große Baracke abgebrochen, ihre Reste – inklusive eines Archivregalsystems – nach Materialien sortiert, das Grundstück planiert. Der Immobilienservicebetrieb (ISB) schmiedet bereits Pläne mit dem Areal zwischen Stadtring und Kamener Straße, lässt sich aber noch nicht in die Karten gucken.

„Wir wollen versuchen, das Grundstück möglichst gebietsverträglich zu entwickeln“, versichert Frank Spengemann vom ISB-Immobilienmanagement. „Die jetzige, 750 Quadratmeter große Parzelle wird aber nicht die sein, die später in die Vermarktung geht.“ Wahrscheinlich kämen einige Quadratmeter vom ungenutzten Rasengrundstück des Heimathauses hinzu. Seitens eines großen Bauträgers, der nach WESTFALEN-BLATT-Informationen in der Nachbarschaft Flächen besitzt, soll es bereits Interesse an dem geplanten Wohnprojekt geben.

Im Zeitraum 2010 bis 2013 gab es bereits Pläne der Bielefelder Gesellschaft für Wohnen und Immobiliendienstleistungen (BGW), auf dem erweiterten Barackengelände einen 3,5 Millionen Euro teuren Gebäudekomplex mit bis zu 30 barrierefreien Seniorenwohnungen nach dem Bielefelder Modell (Pflege bei Bedarf inklusive) zu errichten. Damals gingen allerdings die Nachbarn auf die Barrikaden. Das mehrstöckig geplante Gebäude hätte ihre Häuser um bis zu zehn Meter überragt und großflächig beschattet.

In der Befürchtung, sowohl einen Einbruch ihrer Lebensqualität als auch einen massiven Wertverlust zu erleiden, protestierten fast 100 Anwohner bei einer Öffentlichkeitsbeteiligung. Unter Einbeziehung der Brackweder Bezirksvertretung konnten sie das Projekt Anfang 2013 schließlich abwenden. Die Baracke des Lastenausgleichsamtes durfte ihren Dornröschenschlaf fortsetzen.

Entschädigungsleistungen im Wert von gut einer halben Milliarde D-Mark (rund 250 Millionen Euro) hat das Bielefelder Ausgleichsamt allein zwischen 1952 und 1979 geleistet. Profiteure waren Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs, Vertriebene und Spätaussiedler, die in ihrer früheren Heimat Vermögen verloren hatten; aber auch Menschen, die Kriegssach- und Besatzungsschäden gemeldet hatten.

Im genannten Zeitraum bearbeitete die Behörde mehr als 50.000 Einzelfälle bis zur Auszahlung. 300.000 Aktenordner voller dramatischer Schicksale sollen zwischenzeitlich im Heimathaus (früher: Rotes Amt), dem nahen Luftschutzbunker und in eben jener Baracke gelagert gewesen sein.

Enthalten waren seit der Zusammenlegung 1970 auch die Akten der Kreise Bielefeld und Halle, später zusätzlich der Kreise Herford, Gütersloh und Minden-Lübbecke. Als Abteilung des Sozialamtes hatte das Ausgleichsamt Bestand bis 2011.

Nach Auflösung der Abteilung wanderten die Akten größtenteils zum Bundesausgleichsamt nach Bad Homburg. 7907 Exemplare sicherte sich das Bielefelder Stadtarchiv. Laut dessen Direktor Dr. Jochen Rath dienen sie heute vor allem zu Dokumentation und Rekonstruktion von Luftkriegsschäden.

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