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Bielefelder muss seine Trauung ohne seinen Vater feiern

Statt Hochzeitsfeier in Quarantäne

Bielefeld/Werther (WB). Am Vorabend seiner Hochzeit erlebte Sven Bänsch eine unliebsame Überraschung. Weil er und seine zukünftige Frau Dana die Nacht getrennt voneinander verbringen wollten, quartierte sich der Bielefelder kurzerhand bei seinen Eltern in Werther ein.

Kerstin Panhorst

Aufgrund der Informationen des Gesundheitsamtes dachte Detlef Tönsmann, dass seine beiden negativen Befunde ausreichen würden, um kurzfristig aus der Quarantäne zu dürfen. Foto:

„Meine Mutter wurde plötzlich so komisch und ich hab sie gefragt, ob irgendetwas nicht in Ordnung ist“, erinnert sich der 34-Jährige. „Und dann sagte sie, dass mein Vater in Quarantäne ist und nicht zur Hochzeit kommen wird.“ Seine Eltern Gabriele und Detlef Tönsmann hatten bis zu diesem Zeitpunkt alles versucht, um doch noch einen Weg aus der Quarantäne zu finden.

„Wir wollten nicht, dass Sven sich Sorgen macht oder womöglich auf die Idee kommt, alles zu verschieben. Immerhin haben er und seine Frau ein Jahr lang diesen Tag geplant“, erzählt Gabriele Tönsmann.

Positiv getestet

Nötig geworden war die Quarantäne, weil ein Kollege, mit dem Detlef Tönsmann derzeit eine Fahrlehrerfortbildung am Verkehrsinstitut Bielefeld absolviert, positiv auf Covid-19 getestet wurde. Das Gesundheitsamt des Kreises Gütersloh ordnete die Isolation vom 10. bis 20. August an – also auch für den Tag der Hochzeit am 15.. „Ich habe dann mit jemandem vom Gesundheitsamt telefoniert und die Dame hatte auch großes Verständnis für meine Lage. Sie riet mir, neben einem Corona-Test auch noch auf eigene Kosten einen Bluttest auf Antikörper machen zu lassen, um zur Hochzeit gehen zu dürfen“, erinnert sich Tönsmann.

Beide Tests fielen negativ aus – aber das bedeutete keinesfalls einen Freifahrtschein. „Ein negatives Testergebnis schließt die Möglichkeit einer Infektion mit SARS-CoV-2 nicht vollständig aus“, heißt es im Befund. Und so erhielt die Familie am Tag vor der Hochzeit die Nachricht, dass es aufgrund der Richtlinien des Robert-Koch-Instituts keine Möglichkeit gäbe, die Quarantäne zu verlassen.

Bluttest

„Mein Vater hat also nicht nur den Abstrich, sondern auch einen Bluttest gemacht, und bei beiden zeigte sich kein Virus. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass das nicht ausreicht“, sagt Sven Bänsch, der ebenso wie seine Frau als Soldat bei der Bundeswehr arbeitet. „Bei meiner Schwester, die kurz vorher aus dem Türkei-Urlaub kam, reichte auch ein einfacher negativer Test, und niemand musste in Quarantäne. Das ist für mich keine Gerechtigkeit.“

Sein Vater hätte sich eine klare Auskunft gleich zu Beginn gewünscht anstelle der falschen Hoffnung, die ihm die Behörde zunächst machte. Auch der 59-Jährige fühlt sich ungleich behandelt, denn einige Dozenten des Verkehrsinstituts, die ebenfalls Kontakt zum Infizierten hatten, mussten nicht in Quarantäne und unterrichten weiter Klassen. „Und einige meiner Mitschüler wurden bis heute noch nicht vom Gesundheitsamt kontaktiert und sind deshalb auch nicht in Quarantäne“, erzählt Tönsmann.

Die auferlegte Isolation zu ignorieren und trotzdem an der Hochzeit teilzunehmen, stand für ihn aber nie zur Debatte. „Ich will mich nicht über Gesetze hinwegsetzen und ich will auch niemandem einem Risiko aussetzen. Außerdem wurde mir gesagt, so eine Ordnungswidrigkeit könnte mit bis zu 25.000 Euro bestraft werden.“

Live-Übertragung

Also versuchte die Familie, das Beste daraus zu machen und versorgte Detlef Tönsmann den ganzen Tag über mit Nachrichten, Videos und Fotos sowie einer Live-Übertragung der Trauung aus der Peter- und Pauls Kirche in Heepen. „Für ihn war das gut, damit er etwas sieht von der Hochzeit, aber bei uns fehlten die Emotionen. Generell fehlte etwas, es war nicht vollständig ohne meinen Vater, und das hat man jedes Mal gemerkt, wenn man auf den leeren Platz geguckt hat in der Kirche und bei der Feier, auf dem er hätte sitzen müssen“, sagt Sven Bänsch.

Bei den anderen Gästen erklärte er die Abwesenheit seines Vaters zunächst mit einem Magen-Darm-Infekt, um keine Panik angesichts eines möglichen Corona-Falls auszulösen. „Aber irgendwann ist die Wahrheit dann doch durchgesickert. Zum Glück hatten wir viele Gäste aus der jüngeren Generation, viele Kameraden von der Bundeswehr da, die das gelassener sehen“, erzählt der Braker.

Traurig und schön

Doch nicht nur für ihn und seinen Vater war die Situation schwierig. Schon bei der Abfahrt zur Kirche skandierte sein dreijähriger Neffe Finn unter Tränen ein „Opa mit!“, als dieser nicht mit dem Rest der Familie aufbrach, und auch seine Mutter fühlte sich den ganzen Tag über einsam. „Es war ein schöner Tag, aber zugleich auch sehr enttäuschend. In der Kirche habe ich mich ganz schrecklich gefühlt“, sagt Gabriele Tönsmann. Beim Hochzeitstanz hätte sich die 59-Jährige am liebsten versteckt, aber ihr Sohn zog sie dann doch noch auf die Tanzfläche, auf der traditionell nach dem Brautpaar auch die Eltern der Frischvermählten ihre Runden drehen. „Auch meine Frau hätte natürlich gerne mit meinem Vater getanzt, aber das war nicht möglich. So eine Hochzeit ist ja nicht alltäglich, man kann das alles nicht einfach nachholen. Das ist das Traurige an der ganzen Sache“, bedauert Sven Bänsch.

Aufgrund der Quarantäneregeln darf Gabriele Tönsmann zuhause ihrem Mann Detlef die Bilder der Hochzeit nur mit Abstand zeigen. Foto: Kerstin Panhorst
Sven Bänsch und seine Braut Dana konnten auf den offiziellen Hochzeitsfotos nur mit seiner Mutter Gabriele Tönsmann posieren, der Platz ihres Mannes blieb leer. Foto: privat
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