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Bielefelder Reisebüros hangeln sich durch das Coronajahr – Umsatzeinbußen zwischen 75 und 85 Prozent

Storno-Frust statt Reiselust

Bielefeld

Die Tourismusbranche ist durch die Corona-Pandemie fast komplett eingebrochen. Unternehmen melden für das Jahr 2020 Horrorzahlen, die vor allem dem Virus geschuldet sind. Mit einer spürbaren Erholung rechnet die Branche erst ab Sommer 2021.

Arndt Wienböker

Büroleiter Michael Schreiber aus dem TUI-Reisecenter am Oberntorwall hatte das ganze Jahr über fast nur mit Stornierungen und Umbuchungen zu tun. Seine Hoffnung ist, dass sich die Branche im Jahr 2021 zumindest wieder etwas erholt. Foto: Thomas F. Starke

Von den Umsatzeinbußen besonders hart betroffen sind die Reisebüros – so auch in Bielefeld. „Wir haben einen Umsatzrückgang von etwa 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Michael Schreiber, Büroleiter des TUI-Reisecenters am Oberntorwall in der Bielefelder City. Er und seine Mitarbeiter seien das ganze Jahr über eigentlich nur damit beschäftigt gewesen, Stornierungen und Umbuchungen vorzunehmen. „Dadurch hatten wir sogar mehr Arbeit als in normalen Zeiten. Ein reines Zusatz-Geschäft, eine Nullnummer. Das ist schon heftig“, erklärt Schreiber.

Eine ähnliche Schreckensbilanz zieht Sabine Behrens, Geschäftsführerin des Reisebüros Kompass in Senne. „Wir haben in diesem Jahr Umsatzeinbußen von mehr als 80 Prozent und mussten sehr viel Aufwand für ganz wenig Geld betreiben. Das betrifft aber die ganze Branche, von der Putzfrau bis zum Piloten. Das macht keinem Spaß.“ Behrens hätte sich auch mehr Unterstützung durch einige Reiseveranstalter gewünscht: „Manche haben uns da ganz schön im Regen stehen lassen und alles auf die Reisebüros abgewälzt.“

Seit Anfang April sind die Mitarbeiter der Reisebüros in Kurzarbeit. „Wir mussten Kollegen zeitweise sogar aus der Kurzarbeit herausholen, damit wir die ganzen Stornierungen und Reiseabsagen bearbeiten konnten“, berichtet Behrens. Ohne die staatlichen Corona-Soforthilfen und Überbrückungshilfen sei ihr Büro mit sieben Angestellten nicht über die Runden gekommen.

Besonders hart trifft die Reisebüros die Absagen von Pauschal- und Fernreisen sowie Kreuzfahrten. „Die ganzen Kreuzfahrten zum Beispiel wurden erst verschoben und dann abgesagt. Das war ein ständiges Hin und Her“, sagt Michael Schreiber, in dessen Reisebüro vier Mitarbeiter beschäftigt sind. Nachdem das Ostergeschäft weggebrochen war, schien die Branche im Sommer, als die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, zunächst wieder etwas anzulaufen. Aber auch in dieser Zeit blieben die Menschen vorsichtig. Klassiker wie Spanien (Mallorca), Türkei, Griechenland oder Ägypten seien nur sehr zurückhaltend gebucht worden. Dafür boomte der Deutschland-Tourismus wie nie zuvor. „Davon profitieren wir als Reisebüros aber nicht, weil die Kunden ihren Urlaub in Deutschland überwiegend privat organisieren“, sagen Behrens und Schreiber.

Sabine Behrens, Geschäftsführerin des Reisebüros Kompass in Senne, sagt: „Noch so ein Jahr wie 2020 schafft keiner.“ Foto: Arndt Wienböker

Die Hoffnung auf einen starken Herbst und Winter zerschlug sich dann mit dem Ausbruch der zweiten Corona-Welle. „Das einzige, was noch ging, waren die Kanaren – und Kuba als Fernreise“, berichtet Michael Schreiber. Doch Buchungen solcher Art seien weiterhin eine Rarität. Behrens: „Wir hatten im gesamten Monat Dezember bislang fünf Abreisen, darunter eine Kanaren-Kreuzfahrt, die in der Coronazeit auch besonders ist.“ Hinzu kommt, dass nun auch die Kanaren seit Sonntag wieder als Risikogebiet gelten.

Trotz der deprimierenden Zahlen blicken die beiden Bürochefs vorsichtig optimistisch auf das Jahr 2021. Schreiber: „Ich hoffe, dass zur Osterzeit wieder gereist werden darf, aber wissen tun wir das natürlich nicht. Uns bleibt nichts anderes übrig als daran zu glauben, dass es spätestens ab Sommer wieder bergauf geht.“

Der Januar und Februar sind in den Reisebüros normalerweise die buchungsstärksten Monate im Jahr, viele Reiseveranstalter wie TUI würden neben Frühbucherrabatten auch kostenfreie Umbuchungen und Stornierungen anbieten. „Das Geld geht den Kunden also nicht verloren, wenn sie jetzt buchen“, betont Michael Schreiber

Sabine Behrens vom Reisebüro Kompass hofft, „dass die Menschen durch den Corona-Impfstoff vielleicht auch wieder mehr Sicherheit und Reiselust bekommen“. Das Jahr 2021 könne ein Übergangsjahr werden. „Es wird vermutlich noch etwas dauern, bis die Leute wieder verstärkt ins Ausland reisen. Viele werden sich aus Sicherheitsgründen wohl erneut auf einen Deutschland-Urlaub fokussieren, zumal Auslandsreisen jetzt auch mit Beschränkungen und mehr Aufwand verbunden sein können.“

Die Branche müsse also wohl noch etwas durchhalten. „Bis wir an die Umsätze der letzten Jahre herankommen, kann es ein paar Jahre dauern“, glaubt Behrens. Dennoch will auch sie die Lage nicht dramatisieren. „Wir müssen positiv nach vorne schauen – auch im Sinne unserer Kunden. Dann werden wir das auch schaffen.“ Eines macht Sabine Behrens aber auch deutlich: „Noch so ein Jahr wie 2020 schafft keiner.“

Seit vergangenen Mittwoch müssen die Reisebüros zwar wieder geschlossen bleiben, telefonisch und per Mail sind sie aber weiterhin für Kunden erreichbar.

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