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300 Besucher und 70 Demonstranten auf dem Kesselbrink

Vizekanzler Habeck wird bei Besuch in Bielefeld ausgepfiffen

Bielefeld

Damit haben die Grünen wohl nicht gerechnet: Robert Habecks Auftritt bei einer Veranstaltung im Landtagswahlkampf in Bielefeld ist am Montagmittag eskaliert. 70 Personen haben die Rede des Bundeswirtschaftsministers mit Rufen wie „Frieden schaffen ohne Waffen“ und „Kriegstreiber, Kriegstreiber“ massiv gestört.

Von Andreas Schnadwinkel und Peter Bollig

Etwas 70 Menschen protestierten beim Auftritt von Robert Habeck in Bielefeld. Foto: Thomas F. Starke

Zur diffusen Gruppe gehörten auch Radikalpazifisten und Impfskeptiker. Die Grünen stehen wegen der von Außenministerin Annalena Baerbock vertretenen Po­sition, der Ukraine schwere Waffen zu liefern, in der Kritik.

Sein Freizeitoutfit mit taubenblauem Blouson, Jeans und schwarzen Sneakern passt nicht zur schweren Audi-Dienstlimousine des Bundesministers für Wirtschaft und Klima. Das stört allerdings niemanden, im Gegenteil. Der Vize-Kanzler kommt gut an, erfüllt Fotowünsche, gibt vereinzelt Autogramme und erträgt gelassen den Nieselregen – ein Politik-Popstar im Landtagswahlkampf. Gut 100 Besucher sowie 200 Mitglieder und Anhänger der Grünen haben sich auf dem Kesselbrink eingefunden und sind guter Dinge.

Außerhalb der Absperrungen sammeln sich ein paar Grüppchen mit eingerollten Transparenten. Vor Habeck sprechen noch die Bielefelder Landtagskandidatin Christina Osei und die NRW-Spitzenkandidatin Mona Neubaur. „Den Frieden zu erhalten heißt jetzt, Putin in den Arm zu fallen. Und das geht eben leider nur mit Waffen. Damit habe ich überhaupt kein Problem, das war schon meine Position vor dem Krieg. Und jetzt sehen wir zu, dass sie Realität wird“, sagt Habeck in die Mikrofone, während ein musikalisches Vorprogramm über die Bühne geht.

Aus den Grüppchen am Rand sind etwa 70 Leute geworden. Die Hälfte beginnt zu rufen: „Kriegsverbrecher, Kriegsverbrecher.“ Mit Trillerpfeifen und Megafonen stören sie die Kundgebung der Grünen. Die Demonstration ist nicht angemeldet. Das sei auch nicht nötig gewesen, sagt die Polizei, weil bei Wahlkampfveranstaltungen im öffentlichen Raum alle Interessierten teilnehmen könnten. Und damit auch Andersdenkende.

An den Plakaten lässt sich erkennen, wie diffus der Protest ist. Da geht es um die Corona-Schutzmaßnahmen, um die umstrittene Anerkennung von Transfrauen als Frauen, um ein altes Habeck-Zitat über Vaterlandsliebe – und um die Angst vor deutschen Waffenexporten an die Ukraine. „Ohne Waffen Frieden schaffen“ ruft es lautstark vom Rand, der überwiegend nicht wie der Rand der Gesellschaft aussieht. Da stehen linksautonome Radikalpazifisten neben Impfgegnern und Russlandfreunden. „Geht doch nach Russland“, ruft ihnen ein Sympathisant der Grünen zu. „Du hast doch keine Ahnung, wie es in Russland aussieht“ bekommt er als Antwort.

Robert Habeck

„Während wir hier reden, sterben in der Ukraine Menschen, werden Häuser bombardiert, werden Frauen vergewaltigt und sterben junge Soldaten“, sagt Habeck auch in Richtung der Protestierenden, die sich davon aber nicht beruhigen lassen. Je angriffslustiger Habeck wird, desto heftiger die Reaktionen: „Wer vergisst, was oben und unten ist, wer Opfer und wer Täter ist, der verhöhnt die Täter“, verspricht er sich und meint die Opfer. „Der sagt mit solchen Transparenten, dass der völkerrechtswidrige Krieg gegen die Ukraine gerechtfertigt ist. Der Kriegstreiber hat einen Namen, und das ist Putin.“

Ein Mittfünfziger unter den Demonstranten steht etwas abseits und scheint mit den anderen Leuten nichts zu tun haben zu wollen. Warum ist er hier? „Ich wähle seit Jahren die Grünen, und jetzt sind sie wieder für den Krieg.“ Damit meint er die Forderungen der Außenministerin Annalena Baerbock, schwere Waffen an die Ukraine im Kampf gegen Russland zu liefern.

Zwei Eier fliegen

Das „wieder“ bezieht sich auf den Kosovo-Sonderparteitag am 13. Mai 1999 in Bielefeld, als der damalige grüne Außenminister Joschka Fischer die Zustimmung seiner Partei zur Beteiligung der Bundeswehr am Nato-Einsatz erzwang und mit einem geworfenen Farbbeutel am Ohr verletzt wurde. „Daran“, sagt der verzweifelte Grünen-Wähler, „habe ich heute die ganze Zeit gedacht.“ Es fliegen nur zwei Eier an der Bühne vorbei.

Die Grünen haben, so Christina Osei (Kandidatin im Wahlkreis 92), im Vorfeld mit Protesten gerechnet, aber „nicht in dieser Vehemenz“. Sie werfen der Polizei vor, die eigenen Ordner zu spät dabei unterstützt zu haben, die Demonstranten auf Abstand zu halten. In zwei Fällen soll es zu Rangeleien zwischen Ordnern und Protestlern gekommen sein, Rickel berichtet zudem von einem Ei-Wurf, der ins Leere gegangen sei. Anzeigen sind nicht erstattet worden.

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