Uni Bielefeld befasst sich mit antisemitischen und frauenfeindlichen Songtexten

Studie: Wie Gangsta-Rap jugendliche Hörer beeinflusst

Bielefeld (WB)

Der Song 0815 mit der Textzeile „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ sorgte 2018 für heftige Diskussionen: War das, was die Deutschrapper Kollegah und Farid Bang sangen, eine Provokation oder Volksverhetzung?

Westfalen-Blatt

Deutschrapper wie Kollegah (links) und Farid Bang beeinflussen Jugendliche mit ihren Songtexten. Das belegt eine Studie der Universität Bielefeld. Foto:

Eine Ausnahme war der Text jedenfalls nicht: Gangsta-Rap ist oft antisemitisch und frauenfeindlich. Und diese Einstellungen beeinflussen jugendliche Hörer. Beides belegt eine Studie der Universität Bielefeld.

Der Hip-Hop beziehungsweise Rap gilt als wichtigste Jugendkultur, allerdings sind die Texte der meist männlichen Künstler oft umstritten. Deshalb hat die NRW-Antisemitismusbeauftragten Sabine Leutheusser-Schnarrenberger 2019 Wissenschaftler der Uni Bielefeld beauftragt, die Empfänglichkeit von Jugendlichen für Antisemitismus im Gangsta-Rap und Möglichkeiten der Prävention zu erforschen. Bei der Vorstellung der Studienergebnisse sagte sie: „Die Studie belegt erstmalig empirisch, dass Gangsta-Rap den Nährboden für spätere verfestigte antisemitische Einstellungen bereitet. Wir dürfen nicht zusehen, wie Musiker Antisemitismus propagieren und mit gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Texten Jugendliche indoktrinieren.“

„In den letzten 20 Jahren hat sich der Gangsta-Rap zu einem der ökonomisch erfolgreichsten Musikgenres entwickelt. Heute gilt er heute als einflussreiche Jugendkultur“, erklärte Jakob Baier vom Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter der Uni die Bedeutung des Forschungsprojektes.

Dafür haben die Wissenschaftler Einzelinterviews und Gruppengespräche geführt und in Kooperation mit dem IPSOS-Meinungsforschungsinstitut eine für Nordrhein-Westfalen repräsentative quantitative Erhebung in der Zielgruppe der 12- bis 24-Jährigen mittels Fragebogen durchgeführt.

Der klare Befund von Dr. Marc Grimm: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gangsta-Rap und der Neigung, antisemitische und frauenfeindliche Aussagen zu teilen, gibt.“ Und das, obwohl insbesondere antisemitische Codes, also Verwendung von Symbolen und Andeutungen in Texten oder Videos häufig gar nicht als solche erkannt würden.

37,5 Prozent bezeichneten sich selbst als etwas antisemitisch

Vorab nach ihren Einstellungen befragt, antworteten 26,5 Prozent der befragten Jugendlichen, dass sie sehr antisemitisch seien. 37,5 Prozent bezeichneten sich selbst als etwas antisemitisch und 36,5 Prozent sagten, sie seien nicht antisemitisch. Von den sehr antisemitisch eingestellten Hörern sagten 81,4 Prozent, dass sie gerne oder sehr gerne Gangsta-Rap hören, drei Viertel dieser Gruppe waren männlich, 79,7 Prozent eher jünger, nämlich zwischen zwölf und 18 Jahre alt.

Ähnlich wie beim Verhältnis von Intensität des Gangsta-Rap-Konsums und Antisemitismus zeige sich, so die Verfasser der Studie, dass die Gruppe mit häufigem beziehungsweise intensiven Gangsta-Rap-Konsum auch zu stärkeren frauenfeindlich-chauvinistischen Einstellungen neige.

Zu denken, das Faible für Hip-Hop und Rap sei eher bei „prekarisierten Jugendlichen“ anzutreffen, sei ein Trugschluss, sagen Grimm und seine Kollegen: Das „Sozialprofil“, mithin der familiäre Wohlstand der Hörer sei höher als das der Nicht-Hörer.

Sensibilität gegenüber Interpreten erhöhen

Insgesamt, so die Studie, würden Gangsta-Rapper von jungen Menschen als gesellschaftskritisch wahrgenommen, „ein bedeutender Teil der Jugendlichen wertschätzt ihre sozialkritischen Äußerungen“. So gibt gut ein Viertel der Befragten an, Gangsta-Rapper würden unbequeme Wahrheiten aussprechen. Gut jeder/jede Dritte glaubt, dass die Musiker auf wichtige politische Themen aufmerksam machten. „Und 43,6 Prozent der Jugendlichen nimmt Gangsta-Rap als Musikgenre wahr, in dem Menschen mit viel Geld und Macht kritisiert werden.“

Um die Empfänglichkeit für die Botschaften der Musiker zu mindern müsse man unterschiedliche Zielgruppen adressieren, die Sensibilität gegenüber Interpreten erhöhen – vielleicht Inszenierung und Authentizität hinterfragen – und Wirkungen von Gegenmaßnahmen beobachten. Zudem sollte in den Unterricht und in die Ausbildung von Lehrkräften investiert werden. „Nur dann können wir Jugendliche, die sich selbst Antworten auf Fragen des Zusammenlebens suchen, auch erreichen.“

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