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Bielefelder Soziologe Dr. Bodo de Vries spricht über die Gründe

Tabuthema Suizid im Alter

Bielefeld

Dr. Bodo de Vries ist 56 Jahre alt. Und doch befasst der Bielefelder sich schon seit Jahrzehnten – unter anderem in seiner Dissertation – mit Suizid im Alter. Ein Tabuthema, das nach seiner Einschätzung gesellschaftliche Antworten nötig macht.

Sabine Schulze

Einsamkeit und der Verlust von Kontakten bedrückt alte Menschen. Foto: dpa

Der Soziologe ist Vorstandsmitglied des Evangelischen Johanneswerks und als solcher für den Bereich Altenpflege des diakonischen Werkes zuständig. Zudem ist er Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Altenarbeit und Pflege. Er möchte den Suizid im Alter stärker zum Thema machen: „Ein Land, das dies tut, profitiert von dem Diskurs. Denn wer Suizid begeht, macht es nicht, weil er glücklich ist“, sagt der 56-Jährige.

Er hat für seine Analysen auf die Untersuchung von 1200 Suiziden zurückgreifen können – bewusst wählt er diesen Begriff des Tötens seiner Selbst und nicht Selbstmord oder Freitod, die eben „Mord“ oder freie Entscheidung implizieren. Danach steige, bezogen auf den Anteil an der Bevölkerung, die Suizidrate mit dem Alter kontinuierlich. „Bei den 35- bis 44-Jährigen liegt sie demnach bei 7,5 Prozent, bei den 75- bis 84-Jährigen bei 13,3 Prozent.“

De Vries trieb die Frage um, warum die längere Lebenszeit, die mit dem demographischen Wandel einhergeht, nicht von allen Menschen als Gewinn betrachtet wird. „Sicher, das Alter kommt mit Einbußen daher, die als verminderte Lebensqualität gewertet werden.“ Dennoch werde nach und nach vieles akzeptiert, was man sich in jungen Jahren nicht vorstellen konnte: „Der Blick ändert sich.“

Dr. Bodo de Vries

Auch der auf das Lebensende, der mit dem Alter verbunden wird. „Früher starben Menschen in jedem Lebensalter: durch Krieg, Naturkatastrophen, Epidemien.“ Heute werden wir älter – was offensichtlich nicht von jedem als Geschenk empfunden werde: Denn anders, als man denken könnte, sind längst nicht schwere Krankheiten und großes körperliches Leid die Ursache dafür, dass ein Mensch aus dem Leben scheidet. „Vor allem Männer haben offenbar im Alter Probleme: Sie machen 75 Prozent der alten Menschen aus, die Suizid begehen“, erklärt de Vries.

Wenn es aber die Lebenssituation sei, auf die Menschen mit Selbstvernichtung reagieren, dann müsse man fragen, was dem zugrunde liegt. „Es fehlt vielleicht die Kompetenz, mit der Lebensphase Alter umzugehen“, meint der Soziologe und blickt in die Geschichte: „Seit 1889 wird ein alter Mensch aus dem Erwerbsleben aussortiert.“ Und seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts folgen darauf nicht nur wenige Jahre. „Erst seitdem kann man auch tatsächlich von der Rente leben und sich etwas leisten; das war vorher nicht so und ist jetzt auch oft nicht mehr so.“

Die letzte Lebensphase kann drei Jahrzehnte umfassen – und müsse daher gestaltet werden. „Der Alltag muss mit Sinn und Lebenszufriedenheit gefüllt werden.“ Frauen – vor allem in traditionellen Rollen – bricht ihr Alltag weniger weg als Männern. „Suizid kann ein Indikator dafür sein, wie die Anpassung an die Lebensphase Alter bewältigt wird.“ Und das gelinge Frauen besser.

9041 registrierte Suizide hat es laut Statistischem Bundesamt 2019 gegeben, in 3596 Fällen waren die Menschen älter als 65. Die Zahl der Versuche dürfte um ein Zehnfaches höher liegen. Die wenigsten aber versuchen es ein zweites Mal, so de Vries. Ebenso dürfte es eine Dunkelziffer geben: Nicht für jeden Unfall, bei dem ein Mensch vor einen Baum fahre, gebe es eine Erklärung, sagt der Soziologe. Und mancher ältere Mensch setzt seinem Leben ein Ende, in dem er ärztliche Anordnungen missachtet, entweder alle Tabletten auf einmal schluckt oder sie gar nicht mehr einnimmt.

Notwendig sei der gesellschaftliche Diskurs über Angebote im Alter, betont de Vries. „Suizid ist zwar die individuelleste Handlung, die wir uns vorstellen können, hat aber über-individuelle Faktoren.“

Es müsse, erklärt der Soziologe und bezieht sich dabei auf den Franzosen Emil Durkheim, Handlungsanreize und Orientierung geben. Die „Freiheit“ des Alters bedeute eben auch einen Zustand der „Regellosigkeit". Pflichten, so scheint es, machen auch zufrieden.

Dr. Bodo de Vries

Interessant sei, sagt de Vries, dass es in Kriegszeiten weniger Suizide gebe. Und nach einer Frankfurter Studie gab es in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres, mit „Corona“ und Lockdown 30 Prozent weniger Suizide. „Der Zusammenhang von geregeltem Alltag und Suizid scheint nicht aus der Luft gegriffen“, sagt de Vries.

Natürlich, Alterssuizid kann auch eine Reaktion auf eine unheilbare Krankheit sein, auch wenn die Palliativbegleitung vielfach eine große Erleichterung und Hilfe sei. „Aber es gibt eben vieles mehr, was zu lebensverneinenden Haltungen führt“, sagt der Fachmann.

Einsamkeit etwa als Reaktion auf Isolation. „Und als isoliert gilt, wer weniger als zehn Kontakte pro Tag hat“, erklärt de Vries. Der Verlust des Partners, von Freunden, und Angehörigen, der Verlust der eigenen Wohnung und Einbußen an Mobilität (die oft mit dem Auto verknüpft sind), vielleicht Armut und Pflegebedürftigkeit – damit muss man als alter Mensch fertig werden.

„Wenn Rahmenbedingungen beim Suizid alter Menschen eine Rolle spielen, müssen wir das diskutieren“, fordert de Vries. „Auch die Altenarbeit muss sich mit dem Thema befassen. Es geht um unsere Väter und Mütter – und irgendwann um uns.“

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