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Bielefelder Publikum feiert das Tanzstück »Opus Fünfundsechzig« mit Standing Ovations

Unterm Joch

Bielefeld (WB). Inmitten von bedrohlicher Düsternis und Trauer gedeiht ein zartes Pflänzchen mit dem Namen »Hoffnung«. So etwa lautet die Quintessenz eines berührenden Abends, den das Tanzensemble des Bielefelder Theaters in kongenialer Einheit mit den Bielefelder Philharmonikern dem Publikum beschert.

Uta Jostwerner

Bedrohlich senkt sich ein monumentales Objekt über die Tänzer und drückt sie zu Boden. Foto: Joseph Ruben

Mit dem Tanzstück »Opus Fünfundsechzig« beschließt Simone Sandroni, der künstlerische Leiter von »Tanz Bielefeld«, seine Trilogie zu den größten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Nach Prokofjews Romeo und Julia und Strawinskys Feuervogel widmet sich der erste Tanzabend der Saison der 8. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch und somit einem Werk, das sich im Spannungsfeld von Programmmusik und absoluter Musik, von staatlich kontrollierter Kunst und individueller Authentizität bewegt.

Raffinierte Paar- und Dreiertänze

Im Jahr 1943 binnen weniger Wochen komponiert, gilt das Werk als so genannte Kriegssymphonie. Vielfach wird sie als ein Requiem auf die Opfer des Krieges gelesen. Vordergründig den plakativen Ansprüchen des Sozialistischen Realismus’ gehorchend, weist die Symphonie jedoch weit über ihren Entstehungskontext hinaus und gilt als das persönliche Bekenntnis eines von seiner Zeit gezeichneten leidenden Künstlers. Eines Künstlers, der einerseits als Aushängeschild sozialistischer Kunst galt, sich andererseits immer wieder öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt sah und um seine Existenz fürchten musste.

Aus dieser Ambivalenz beziehen Sandroni und die elf Tänzer wesentliche Impulse für eine Choreografie, die rein über ihre physische Präsenz zu den Schichten der Seele vordringt. Zwischen dem melancholischen Grundton der Symphonie und ihrer schicksalhaften klanglichen Opulenz erfinden die Tänzer ein Ausdrucksvokabular von enormer emotionaler Tiefe. Fließende und harte Bewegungen, zitternde, fallende und fliegende Körper, maschinenhafte Wiederholungen, empfindsame Soli, raffinierte Paar- und Dreiertänze sowie wuchtige Tableaus formieren sich zu einem Kaleidoskop menschlicher Gefühlszustände – und gehen immer wieder an die Grenzen des physisch Machbaren. Wie viele Repressalien ein Mensch ertragen kann, ist die Frage, der hier in vielfältigen tänzerischen Ausdrucksfacetten nachgegangen wird.

Überschwänglicher Applaus

Gestützt wird die bedrohliche Stimmung vom Bühnenbild. Jürgen Höth entwarf nicht nur eine Art Käfig, den zu verlassen nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist. Zusätzlich senkt sich aus den Höhen des Schnürbodens ein monumentales, reflektierendes Objekt herab, das eine Kette von Assoziationen auslöst und mal an geborstenen Stahl, mal an gebrochene Eisfelder und mal an ein Raumschiff erinnert, dass nach Art des Science-Fiction-Klassikers »Independent Day« die Menschheit bedroht – und die Tänzer im wahrsten Wortsinn in die Knie zwingt.

Auch die Musik übernimmt eine mächtige Rolle. Sie liefert den energetischen Treibstoff. Unter der Leitung von Gregor Roth gelingt den auf der Hinterbühne platzierten Philharmonikern etwas Großartiges: eine über weite Teile kammermusikalische, hochsensible Aushorchung der Partitur mit ihrem wundervollen Englischhorn-Solo, mit ihren langen erzählerischen Melodiebögen und ihren gewaltigen Steigerungswellen.

Bielefelds erster Kapellmeister verzichtet auf plakatives Kon­trastspiel und auf das Hörbarmachen doppeldeutiger Strukturen. Vielmehr erforscht er mit untrüglichem musikalischem Gespür die emotionale Essenz der jeweiligen Sätze und fördert so eine zeitlose menschliche Botschaft zutage, die vor allem in den feinen Pianissimo-Passagen unter die Haut geht.

Das Premierenpublikum bedachte die Darbietung mit überschwänglichem, im Stehen gegebenen Applaus.

Karten telefonisch bestellen

Die nächsten Vorstellungen von »Opus Fünfundsechzig« finden am 2., 6., und 21. November sowie am 21. und 29. Dezember im Bielefelder Stadttheater statt. Karten sind beim WESTFALEN-BLATT telefonisch unter 0521/5299640 erhältlich.

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