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WESTFALEN-BLATT-Aktion: Wo Förster und Bürger zwanglos ins Gespräch kommen

Von der Käferplage im Erlebnisraum Wald

Bielefeld(WB). Das Multitalent Wald fasziniert alle Bevölkerungskreise. Und das bei jedem Wetter. Das größte Kompliment für den dritten WESTFALEN-BLATT-Waldspaziergang am Wochenende machten die Teilnehmer selbst.

Michael Diekmann

Herzlich willkommen zur dritten Auflage: Der WESTFALEN-BLATT-Waldspaziergang mit dem Regionalforstamt ist für die Naturbegeisterten ein Muss. Begrüßt wurden sie von Forstamtsleiter Holger-Karsten Raguse (von links), WB-Redakteur Michael Diekmann, Ranger Aaron Gellern und Revierförster Erhard Oehle. Foto: Oliver Schwabe

Nach tagelangem Dauerregen und in schwerem Geläuf waren sie mit Förstern einige Stunden unterwegs. Und lernten Aaron Gellern (24) kennen. Bielefelds erster Ranger und »Waldbotschafter« gab seine Premiere.

»Diese Veranstaltung ist wohl einzigartig in der Region«, unterstreicht Holger-Karsten Raguse, Leiter des Regionalforstamtes: »Der Waldspaziergang ermöglicht es uns, mit den Bürgern ganz zwanglos Themen zu erörtern, Fragen zu beantworten oder von unseren aktuellen Problemen zu berichten.« Und die Themen sind gefragt. Als sich Samstag kurz vor 14 Uhr über dem Naturfreundehaus Teutoburg kurz unterhalb des Kammes die Wolkendecke kurz lichtet, haben sich an die 90 Teilnehmer »ordnungsgemäß verpackt«.

Zweckmäßigkeit ist angesagt. Immerhin ist der Waldboden nach dem tagelangen Regenmarathon so aufgeweicht, dass Waldbesitzer Jens Wehmeier darauf verzichtet hat, Wege mit Hackschnitzeln zu befestigen. Jeglicher Maschineneinsatz, erklärt Wehmeier, hätte die Sache nur verschlimmert. Gut, alle haben feste Schuhe. Wühlen sich durch. Und sind am Ende irgendwie glücklich. Womit der Spruch bewiesen ist, dass es kein falsches Wetter gibt. Die richtige Kleidung hatten alle an.

Der Wald macht mehr als 20 Prozent der Fläche von OWL aus. Jeder liebt ihn auf seine Weise. Der Wald kann viele Wünsche erfüllen, aber nicht alle zu 100 Prozent sofort. Holger-Karsten Raguse erzählt in seiner Gruppe von dem schwierigen Spagat, die verschiedenen Faktoren von Freizeitanspruch vor den Toren einer Großstadt zu harmonisieren. Für das Netzwerken ist seit März Aaron Gellern als Ranger zuständig.

Jetzt, beim dritten WB-Waldspaziergang, sind Gellern und sein wuscheliger Hund Mira sofort in ihrem Element. Die Teilnehmer sind angetan von dem jungen Mann mit dem einzigartigen Hut, der verständlich erklärt, immer den Ton trifft und keine Frage unbeantwortet lässt. Beim Waldspaziergang lernt er auch Werner Klemme kennen. Das Urgestein des Teutoburger Wald-Vereins möchte demnächst mit dem Ranger auf Tour gehen, sich austauschen.

Wo das Holz verkauft wird

Neben Holger-Karsten Raguse und Aaron Gellern führen der für Bielefeld zuständige Revierförster Erhard Oehle und Waldbesitzer Jens Wehmeier eine Gruppe zunächst durch den Wald am Nordhang des Teuto und dann zum Wertholzplatz mit der weiten Fernsicht bis zum Kalletal und Lemgo. Seit 30 Jahren findet hier der Höchstgebotsverkauf des besonderen Stammholzes an überregionale Kunden statt. Favorit ist Eiche.

Mehr als 600 Festmeter liegen hier und können aus der Nähe betrachtet werden. Spannend, was daraus wird – von der Tischplatte bis zu hochwertigem Furnier. Erhard Oehle schildert den sensiblen Markt, erklärt den Unterschied zwischen Einzelstämmen und den Losen, in denen man mehrere Bäume als Paket handelt.

Der gefährliche Borkenkäfer

Der Waldspaziergang ist längst eine Institution, hört man unterwegs. Kathrin Schütte aus Lämershagen ist schon zum dritten Mal dabei. Erstmals dabei ist Wolfgang Smode aus Gadderbaum. Oder Hermann Ostermann. »Ich bin ja erst seit 18 Monaten Bielefelder«, gesteht der 80-Jährige. Vom Möhnesee ist er an den Teuto gezogen, zu den Kindern. Das Spektrum der Themen ist auch breit gefächert. »Der Wolf ist hier«, sagt Aaron Gellern unmissverständlich. Es müsse sich zeigen, wie wir als Menschen damit klar kommen. Das Areal des Waldgangs gehört zum Wolfsgebiet. Gellern beruhigt zugleich, dass keine unmittelbare Gefahr für den Menschen bestehe.

Eher eine Gefahr bildet der Borkenkäfer. Die nach dem Orkan Frederike 2018 aufgetretene zweite Kalamität für die Waldbesitzer beschäftigt viele Teilnehmer. Kahl in den grauen Himmel ragende Stämme mit aufgerissener trockener Rinde, daneben liegendes Holz. Mit einem Messer heben die Experten die Rinde an und zeigen die Käfergänge auf der Innenseite. Bis zu 50 Prozent der Fichtenbestände könnten verloren gehen, sagt Erhard Oehle, vielleicht sogar mehr. Vor der ersten Frühjahrssonne mit warmen Temperaturen schlummert in vielen Stämmen eine tickende Zeitbombe. Der nächste Flug der Käferweibchen endet wieder mit dem Anstechen tausender Stämme und der Eiablage für die nächste Generation.

Eine Stärkung zum Abschluss

Die Menge des Käferholzes auf dem Sammelplatz macht die Teilnehmer betroffen. Erhard Oehle erklärt auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge. Die Preise sind im Keller für Fichtenholz, die Märkte überschwemmt, weil zum Beispiel die Südeuropäer den Holzmarkt auch noch mit Rohstoff aus Schadensfällen überhäufen.

Wer mehr als zwei Stunden mit Forstleuten unterwegs war, bekommt auch Appetit. Frank Braun, der Hausherr des Naturfreundehauses Teutoburg, hatte deshalb einmal mehr mit seinem Team für die Bewirtung gesorgt. Bei einer heißen Suppe, Kaffee und Kuchen konnte noch lange mit den Fachleuten weiter diskutiert werden. Die Bilanz von Holger-Karsten Raguse fällt darum extrem positiv aus: »Es war ein guter Nachmittag für den Wald. Und für unsere Arbeit. Wir hatten tolle Gespräche.« Nur die Frage nach dem »Waldbaden« brachte selbst den Forstprofi zum Nachdenken und dann zum Schmunzeln: »Wir gehen in den Wald, umarmen den Baum und sagen ›Om‹. Selbst dafür ist ein Plätzchen im Wald.«

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