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Theater-Jahresrückblick von und mit Ingo Börchers und dem Klang der Stille

Von Mufflons, Bärbel und dem OB

Bielefeld (WB). Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein – es sei denn, man hat bei Thomas Cook gebucht und muss am Boden bleiben. Mit dem Schicksal des insolventen Reiseunternehmens und seiner enttäuschten Kunden schicken Kabarettist Ingo Börchers und Sänger Lorin Wey das Premieren-Publikum des Jahresrückblicks im TAM zum Schlussapplaus in die Nacht.

Burgit Hörttrich

Kabarettist Ingo Börchers blickt im TAM zurück auf das Jahr, am Klavier begleitet von Adam Laslett. Foto: Sarah Jonek/Theater

Börchers verspricht mit seiner vierten Jahresrückblick-Auflage „literarisches Kabarett“ („Das ist, wenn der Kabarettist den Text noch nicht auswendig kennt“). Das Banale findet in seinem Programm genauso seinen Platz wie Bedeutsames, die Wohnungsnot („Wer kann sich denn heute schon noch ein Haus leisten? Auch in der Natur kommen immer mehr Nacktschnecken vor“) genauso wie Donald Trump („Unter den Arschgeigen die Stradivari“). Neben Lorin Wey, der unter anderem mit „Ein Mufflon steht im Walde, ganz still und stumm...“ für Heiterkeit sorgt, und Adam Laslett am Klavier steht Börchers noch eine Assistentin der besonderen Art zur Seite: ein digitales Sprachsystem, das allerdings nicht auf den Namen Alexa, sondern auf Bärbel hört. Oder eben nicht.

„Wir haben adipöse Kinder und den Klimawandel“

An der elterlichen Vorliebe für merkwürdige Vornamen arbeitet sich Börchers genauso ab wie an dem Standardspruch seiner Kindheit „Iss den Teller leer, dann scheint die Sonne“: „Was ist das Ergebnis: Wir haben adipöse Kinder und den Klimawandel.“

Würde Bärbel ihn nicht ständig herum kommandieren, würde Börchers den Kesselbrink als Weltkulturerbe vorschlagen und beim Aufzählen von Jubiläen, die 2019 gefeiert wurden, kommt er von „10 Jahren Pit Clausen als OB“ auf o.b. und die Mehrwertsteuersenkung für Hygieneartikel von 19 auf 7 Prozent. Er merkt an, dass inzwischen wohl mehr Deutsche im Fernsehen gewesen seien als nur davor, dass Selfie-Sticks Nordic Walking-Stöcke abgelöst hätten und legt überhaupt ein gesundes Misstrauen gegenüber der vorgeblichen Realität an den Tag.

Weitere Termine

Ingo Börchers lädt sich zudem in jede Jahresrückblick-Vorstellungen Talk-Gäste ein. Immer andere. In der Premiere waren das Buchhändlerin und Autorin („Mein Leben mit Martha“) Martina Bergmann und Frank Tippelt und Willibald Bernert, die in ihrem Buch „Kneipen, Kult und Kakerlaken“ einen nostalgischen Blick auf die ehemalige Altstadt-Kneipenszene werfen.

Als Lorin Wey „Sounds auf Silence“ singt, sehnt sich Ingo Börchers nach dem Klang der Stille, den es schon lange in der lärmigen Welt nicht mehr gebe. Und er sehnt sich zurück in seine alten VHS-Kurse, in denen er, trotz der mitunter obskuren Titel, doch so allerlei fürs Leben gelernt habe.

Weitere Jahres-Inventur-Termine im TAM mit Börchers & Friends sind am 29. Dezember, 2. und 5. Januar.

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