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Deniz Yücel liest im ausverkauften Bielefelder Movie aus seinem Buch »Agentterrorist«

Warnung vor totalitären Regimen

Bielefeld (WB). »Sie gehen schlafen, Sie wachen auf und sagen: Deniz« – behauptete jedenfalls Recep Tayyip Erdogan über die Deutschen, als 2017 die Kampagne zur Befreiung des Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft ihren Höhepunkt hatte. Jetzt hat Yücel in Bielefeld aus seinem Buch »Agentterrorist« gelesen.

Kerstin Panhorst

Deniz Yücel hat sich seinen Humor bewahrt, bagatellisiert aber nicht das Unrecht in der Türkei. Foto: Thomas F. Starke

Trotz Verbot: Erdogan-Interview ins Hochsicherheitsgefängnis

Dass der türkische Präsident mit seiner Äußerung auch den auf seine Anweisung inhaftierten Deniz Yücel zum Lachen bringen würde, war ihm wohl nicht bewusst. Im ausverkauften »Movie« erzählte der Journalist vor 220 Zuhörern, wie er trotz Korrespondenzverbots das Erdogan-Interview ins Hochsicherheitsgefängnis bekam, weil keiner der Wärter sich traute, den Zeitungsausschnitt zu konfiszieren und so den eigenen Präsidenten zu zensieren.

Keine verbitterte Abrechnung, sondern ein Weckruf

Yücel rekapitulierte die wohl schlimmsten Monate seines Lebens . Vom 27. Februar 2017 bis zum 16. Februar 2018 befand sich Yücel wegen angeblicher Terrorpropaganda in türkischer U-Haft. Erdogan bezeichnete Yücel als »Agentterrorist« und lieferte damit den Titel für die literarische Aufarbeitung des Geschehens.

Mit viel Humor blickt Yücel auf die Geschichte seiner Inhaftierung und auf die politische Situation in der Türkei, ohne die Vorfälle zu bagatellisieren. Sein Buch ist keine verbitterte Abrechnung, sondern ein Weckruf, eine Warnung vor globalen Tendenzen weg von der Demokratie hin zu totalitären Regimen. »Meine Verhaftung hat vielen vor Augen geführt, dass das, was wir an Freiheit und Demokratie für selbstverständlich halten, auch hier gefährdet sein kann«, sagt der 46-Jährige.

Zeilen mit Plastikgabel und Sauce verfasst

Präzise analysiert Yücel die Abläufe von seiner Zuflucht in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters bis hin zu den Umständen im Gefängnis. Weil Yücel nicht den Rest seines Lebens in einer Botschaft verbringen wollte, und nicht mal ein Vier-Augen-Gespräch von Kanzlerin Merkel mit Erdogan Wirkung zeigte, stellte er sich. »Ich war in eine Sackgasse geraten. Also habe ich die Initiative ergriffen und bin zur Polizei gegangen. So bin ich aus der Abhängigkeit von der Bundesregierung gekommen und habe dafür meine Restfreiheit aufgegeben.«

Es gab es weder Stifte noch Papier, aber Yücel wollte festhalten, was in der Zelle geschah. Erst mit Plastikgabel und Sauce, dann mit einem geschmuggelten Kugelschreiber verfasste er zwischen den Zeilen von Büchern seinen Haftbericht, der in Deutschland veröffentlicht wurde. »Es darf ihnen nicht gelingen, mich zum Schweigen zu bringen«, war der Grundgedanke, der ihn im Gefängnis nicht losließ.

  • Deniz Yücel: »Agentterrorist«; Kiepenheuer & Witsch, 394 Seiten, 22 Euro.
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