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Für Studentin und Dozenten aus Russland wird Auslandsaufenthalt fast unerschwinglich

Wenn man in Deutschland vom Rubel leben muss

Bielefeld (WB). Mit einem sechsmonatigen Auslandssemester an der Universität Bielefeld hat sich Katja Ivanova einen Traum erfüllt. Zwei Jahre lang hat sie dafür gespart. Doch die starken Schwankungen des Rubelkurses bereiten der russischen Linguistik-Studentin immer größere Sorgen.

Diana Schwindt

Den Rubel-Kurs immer im Blick haben die russische Studentin Katja Ivanova (Mitte), Geschichtsprofessor Andrej Sokolov und seine Ehefrau Marina. Sie hoffen darauf, dass er bald wieder steigt, damit sie sich für ihr Erspartes etwas mehr kaufen können. Foto: Thomas F. Starke

Monatlich tauscht Katja Ivanova für Miete und Lebensunterhalt eine gewisse Summe Rubel in Euro ein. Dabei ist sie auf einen günstigen Kurs angewiesen. Einen Teil der Summe nimmt sie von ihrem Ersparten, den Rest von ihrem monatlichen Gehalt als Übersetzerin in Moskau. Beide Beträge sind in Rubel auf ihrer Kreditkarte hinterlegt.

Nach dem dramatischen Kurssturz am Dienstag sowie den starken Währungsschwankungen der vergangenen Tage befürchtet sie, dass ihre Ersparnisse bis zum Ende ihres Studienaufenthaltes im März nicht reichen. Beinah stündlich informiert sie sich deshalb im Internet über den aktuellen Wechselkurs.

»Mein Aufenthalt in Bielefeld steht auf der Kippe«

»Als am Dienstag der Euro zum ersten Mal die 100-Rubel-Grenze erreichte, bekam ich einen Schrecken«, erzählt die ausländische Studentin. »Wenige Sekunden später begriff ich, dass mein Aufenthalt in Bielefeld auf der Kippe steht.« Denn sobald der Rubel fällt, ist ein Umtausch mit hohen Verlusten verbunden. Katja Ivanova befürchtet nun, die Summe für Miete und Lebensunterhalt bis Ende März nicht mehr aufbringen zu können.

»Ich habe sofort mit meiner Vermieterin darüber gesprochen«, erklärt Ivanova. Sie habe sich bereit erklärt, der russischen Studentin einen Teil der Miete zu erlassen. »Es sind nur wenige Euro, aber auf die restlichen Monate verteilt, hilft mir ihr Entgegenkommen sehr«, erklärt die 20-Jährige.

Im Februar wollten eigentlich ihre Mutter und ihr Freund Katja besuchen. »Sie werden beide vermutlich nicht kommen können«, sagt sie traurig. Eine Reise nach Westeuropa könnten sie sich zurzeit nicht leisten. Die Flugpreise seien in dieser Woche in die Höhe geschossen, erklärt Ivanova. »Den Flug im März zurück nach Moskau muss ich in diesem Monat noch buchen«, sagt sie. »Nach Neujahr wird es vermutlich weitere Preissteigerungen geben«. Auch der Rubelkurs, vermutet sie, werde weiter fallen.

Vertrauen in die russische Regierung

Der russische Geschichtsprofessor Andrej Sokolov (57) und seine Ehefrau Marina (55), ebenfalls Wissenschaftlerin, verbringen derzeit einen Forschungsaufenthalt in Bielefeld. Sie vertrauen darauf, dass die russische Regierung die Währungsschwankungen stoppen kann. »Ich bin besorgt über die Instabilität unserer Wirtschaft«, erklärt Marina Sokolov, die wie ihr Mann an der Universität in Jaroslawl, rund 300 Kilometer nordöstlich von Moskau, lehrt. »Aber wir sind optimistisch, dass sich die russische Wirtschaft wieder erholt«.

Seit 1994 verbringen die Sokolovs jährlich einen dreiwöchigen Forschungsaufenthalt an der Uni Bielefeld. In diesem Jahr werde sie der Aufenthalt mehr als das doppelte Kosten, schätzen sie. »Für gewöhnlich bringen wir unserer Familie Geschenke aus Deutschland mit«, erzählt Andrej Sokolov. »Dieses Mal können wir nur Kleinigkeiten kaufen«, gesteht er. Seit der Rubel am Dienstag um beinah 20 Prozent einbrach, befürchten beide, ihre Kreditkarte irgendwann nicht mehr nutzen zu können. »Da wir kein Bargeld haben, wäre das für uns furchtbar«, sagt der 57-jährige Historiker. Erst nach den Weihnachtsfeiertagen reisen die Dozenten ab.

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