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Wenn die Kontaktnachverfolgung in Bielefeld scheitert, droht eine Katastrophe

Wie lange noch?

Bielefeld (WB). Schwerstarbeit. Das ist es, was die Corona-Detektive jeden Tag leisten. Sie tun alles, damit das Virusgeschehen nicht außer Kontrolle gerät. In Bielefeld darf nicht das passieren, was in den Niederlanden längst geschehen ist. Sonst droht der Stadt eine Katastrophe.

André Best

Die Kontaktnachverfolgung nach einem positiven Corona-Test wird für die Gesundheitsämter immer schwieriger. Foto: dpa

In unserem Nachbarland sind die Coronazahlen explodiert. Das führt dazu, dass die Kontaktnachverfolgung nach einem positiven Test nicht mehr gewährleistet werden kann. Die fatale Folge ist: Das Virusgeschehen steigt unkontrolliert. Die Fachleute sprechen vom exponentiellem Wachstum. Genau davor warnen die Experten seit Monaten, und aufgrund der angespannten Lage tun sie das aktuell erneut. Wenn das Virus sich selbst überlassen wird, wird es zum Lockdown kommen müssen. Wir kennen die Bilder aus Italien und Spanien. Bilder von überfüllten Krankenhäusern, mit Särgen am Straßenrand. Hier stiegen die Zahlen Anfang des Jahres so rasant, dass diesen Ländern die Kontaktnachverfolgung um die Ohren flog.

Was wichtig ist

Zwei Dinge sind derzeit am wichtigsten in Bielefeld. 1.) Dass die Zahlen sinken. 2.) Dass die Kontaktverfolgung weiter gewährleistet bleibt. Im Rathaus ist das Problem bekannt. Hier wird alles Mögliche getan, damit die aktuell etwa 50 Covid-Detekt ive – Studenten, Verwaltungsmitarbeiter und zehn Bundeswehrsoldaten – ihre Arbeit so gut wie möglich und so detailliert wie nötig machen können. Die Stadt selbst spricht von einer großen Kraftanstrengung.

Das neue Corona-Team des Gesundheitsamtes befindet sich bereits an der Belastungsgrenze – und der Winter kommt erst noch. Zuletzt bekamen die Containment-Scouts, so werden die Mitarbeiter auch genannt, so viele Fälle wie noch nie auf den Tisch, 49 am Donnerstag, 43 am Freitag. Jede einzelne Neuinfektion zieht eine Vielzahl von weiteren Kontaktnachverfolgungen nach sich. Im Schnitt hat jeder Infizierte 20 bis 40 Kontakte, die es aufzuspüren gilt. Von diesen Kontakten hat jeder wiederum ebenso Kontakt zu Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen und anderen Menschen gehabt, die kontaktiert, befragt, beziehungsweise getestet und/oder in Quarantäne geschickt werden müssen. Derzeit sind nach offiziellen Angaben 200 Menschen infiziert in Bielefeld. Gut 1300 befinden sich in Quarantäne. Das zeigt in etwa das Verhältnis. Jeder Coronafall zieht somit etwa sieben Quarantäne-Maßnahmen nach sich. Da nicht jede Kontaktperson zwangsläufig in Hausarrest muss, sind viel mehr Kontaktnachverfolgungungen nötig. Das ist knallharte Detektivarbeit. Deshalb werden die Mitarbeiter so genannt.

Etwas außer Kontrolle

Grob lässt sich sagen, dass ein Infizierter etwa fünf Mitarbeiter einen Tag lang beschäftigt. Für die Größe einer Stadt wie Bielefeld ist ein Personalbedarf von 80 Mitarbeitern nötig. So wird klar, was Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger am Freitag bei der Pressekonferenz damit meinte, dass das Team am Wochenende Gas geben muss. Was er indirekt meinte: Die Kontaktnachverfolgungen einiger der fast 100 Infizierten muss schnellstens aufgeholt werden. Es ist also schon etwas liegengeblieben. Manches kann nur zeitverzögert abgearbeitet werden. Alles andere käme auch einem Wunder gleich. Aber das heißt auch: Es ist bereits etwas außer Kontrolle geraten.

Sonst droht ein Chaos

Sollten die Zahlen im Hinblick auf den Winter steigen, wird die Kontaktnachverfolgung möglicherweise nicht mehr gewährleistet werden können. Dann könnte die Lage eskalieren. Gerät das Virusgeschehen komplett in eine nicht mehr zu steuernde Form, wäre ein Lockdown die zwangsläufige Folge. So weit darf es nicht kommen, nicht in Bielefeld. Nirgendwo.

Von dem Szenario sind wir aber nicht mehr weit entfernt. Daran wird deutlich, dass mit dem Virus nicht zu spaßen ist. Das werden dann auch die letzten Verweigerer und Ignoranten feststellen. Nur leider ist es dann zu spät.

Verstärkung für die Corona-Detektive

Die konsequente Kontaktnachverfolgung auch bei steigenden Infektionszahlen bleibt das Ziel in Bielefeld. „Diese Chance dürfen wir nicht verspielen,“ erklärt Ingo Nürnberger, Leiter des städtischen Krisenstabs. Es seien in der vergangenen Woche gute Gespräche mit Bewerbern für die neu geschaffenen Stellen geführt worden, außerdem habe man bei der Stadt Personal aus anderen Ämtern dem Gesundheitsamt zugeschlagen. An diesem Montag soll geprüft werden, ob die Stadt noch weitere Unterstützung bei der Bundeswehr anfordert. Derzeit unterstützen zehn Soldaten des Aufklärungsbatallions 7 aus Ahlen die städtischen Mitarbeiter bei der Kontaktnachverfolgung. Diese Maßnahme ist zunächst bis zum 1. November zeitlich befristet.

Dennoch komme es zu Problemen, so Nürnberger. „Es bleibt was liegen, wir sind nicht mehr stundenaktuell hinterher.“ Die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter in der Kontaktnachverfolgung sei enorm. Nürnberger: „Wir schaffen das nicht mehr so, wie es eigentlich unser Anspruch ist.“ Es blieben schon einmal Nachverfolgungen für ein, zwei Tage liegen.

Der Dezernent ist aber zuversichtlich, dass die Nachverfolgung in Bielefeld nicht zusammenbrechen wird. In der nächsten oder übernächsten Woche würden die ersten der neu eingestellten Mitarbeiter ihre Arbeit aufnehmen, man denke darüber nach, noch weitere Mitarbeiter intern umzusetzen. Die Zeit, bis alle geplanten Maßnahmen in diesem Bereichen greifen „müssen wir jetzt überstehen.“St

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