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Das besondere Weihnachtsfest 2020 unter Corona-Bedingungen – zwei Pfarrer ziehen Bilanz

„Wir müssen über eingeübte Formate nachdenken“

Bielefeld

Dieses Weihnachtsfest war ein besonderes – für die Bielefelder, aber vor allem für die Geistlichen. Zwei Pfarrer ziehen „ihre“ Bilanz des Weihnachtsfestes 2020.

Heinz Stelte

Die Pfarrer Norbert Nacke (St. Jodokus, links) und Armin Piepenbrink-Rademacher (Altstädter Nicolaigemeinde) berichten über ihre persönlichen Weihnachtserfahrungen. Foto: Thomas F. Starke

(WB) Dieses Weihnachtsfest war ein besonderes – für die Bielefelder, aber vor allem für die Geistlichen. Beide großen Konfessionen hatten im Vorfeld alle Präsenzgottesdienste in der Stadt abgesagt, man setzte auf alternative Formate wie Online-Gottesdienste oder Offene Kirchen, um dem Infektionsgeschehen Rechnung zu tragen. Die digitalen Formate wurden gut angenommen. So sahen knapp 6000 Zuschauer den Gottesdienst „Weihnachten findet Stadt“, fast 2000 Zuschauer verfolgten die Christmette aus der Jodokuskirche. Zwei Pfarrer ziehen „ihre“ Bilanz des Weihnachtsfestes 2020.

Norbert Nacke (St. Jodokus)

:: „Völlig anders, in jeder Hinsicht“ erzählt Norbert Nacke. Gerade der Heiligabend-Nachmittag habe ein völlig anderes Gesicht gehabt. „Etwa 250 bis 300 Menschen haben vom Angebot der ‚Offenen Kirche‘ Gebrauch gemacht, das hat uns sehr gefreut.“ Glücklicherweise habe sich der Besucherstrom auf den ganzen Tag verteilt, sodass es keine Probleme mit den Hygienevorschriften gab. So schmerzlich die Absage der Präsenzgottesdienste für die Gläubigen gewesen sei, habe er nur wenig Ablehnung für die Entscheidung erfahren, so Nacke. „90 Prozent der Menschen haben dafür Verständnis gezeigt, trauriges Verständnis allerdings.“

: „Dass in den Gottesdiensten keine Menschen waren, das war schon komisch.“ Die seelsorgerische Arbeit, die Messfeiern, sie lebten, so der Dechant, vom Dialog, von der Kommunikation. Und, räumt der Pfarrer ein, auch vom Gesang. „Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn ein volles Gotteshaus ‘O du fröhliche‘ singt.“

: „Wir müssen über eingeübte Formate nachdenken,“ steht für Norbert Nacke nach der besonderen „Corona-Weihnacht“ fest. Es habe sich gezeigt, dass die Gläubigen offen seien für neue Formate, neue Angebote, gerade auch an Weihnachten. „Vielleicht nicht mehr so starr, vielleicht etwas freier.“ Wenngleich die bisherigen Angebote an Weihnachten immer gut angenommen wurden. Nacke: „Aber es gab ja auch nichts anderes.“

Armin Piepenbrink-Rademacher (Altstädter Nicolaikirchengemeinde)

Mein Fazit: „Total merkwürdig, dieses Weihnachtsfest. Ich habe mir immer gesagt: Da fehlt doch was, das ist doch dein Leben gewesen.“ Genießen, einmal weniger zu tun zu haben, das habe er nicht gekonnt, berichtet Armin Piepenbrink-Rademacher. Die Absage der Gottesdienste habe ihm schon zugesetzt, obwohl seine Gemeinde die erste war, die diesen Schritt beschlossen hatte. „Das war total richtig.“ Doch ein gemeinsam gesungenes „O du fröhliche“ ist für ihn „seelische Grundnahrung“. Die Menschen, auf die er getroffen sei, hätten sehr verständnisvoll reagiert. „Natürlich waren sie auch traurig.“ Doch Kirche bedeute eben auch Solidarität, und die habe man erfahren.

: „Die direkte Interaktion, die hat gefehlt.“ Einem gefüllten Gotteshaus „Frohe Weihnachten“ zu wünschen, das sei schon ein besonderes Gefühl, so Piepenbrink-Rademacher. Pfarrer sei eben nicht einfach nur ein Job.

: „Wir müssen erkennen, dass nichts selbstverständlich ist, dass sich alles plötzlich ändern kann.“ Und dass das Leben dennoch weitergeht und lebenswert bleibe, so Piepenbrink-Rademacher. „Wir müssen dem Leben zugewandt bleiben und dankbar sein, trotz allem.“ Auch er glaubt, dass sich die Angebote der Kirchen ändern müssen. „Diese besondere Situation ist auch eine große Chance.“ Seine Botschaft: „Macht die Gottesdienste so, dass die Menschen auch kommen.“

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