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Corona-Situation in den Bielefelder Alten- und Pflegeheimen bislang glimpflich, aber es gibt Ausnahmen

„Wir sind am Limit angekommen“

Bielefeld (WB)

Gute Nachrichten hat Bodo de Vries, stellvertretender Geschäftsführer des Evangelischen Johanneswerks, zu verkünden: „In keiner der von uns geführten Bielefelder Alteneinrichtungen gibt es auch nur einen mit dem Coronavirus infizierten Bewohner. Das ist etwas Besonderes.“ Etwa 400 Menschen leben in den fünf Bielefelder Seniorenheimen des Johanneswerks. Aber nicht überall in Bielefeld ist die Situation glimpflich.

Uta Jostwerner

In den Bielefelder Alten- und Pflegeheimen arbeitet das Personal durch hohe Ausfallquoten ohnehin schon an der Belastungsgrenze. Jetzt müssen geschulte Mitarbeiter zusätzlich Corona-Schnelltests bei den Besuchern durchführen. Die Zeit fehlt bei der Pflege. Foto: Peter Steffen/dpa

Wie schnell allerdings das Infektionsgeschehen in den Seniorenheimen kippen kann, zeigt das Beispiel des Wilhelm-Augusta-Stifts. Dort wurde bis zum 19. Dezember nicht ein einziger Corona-Fall dokumentiert. Als eine Bewohnerin ins Krankenhaus kam und dort positiv getestet wurde, wurden die Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des AWO-Seniorenheims flächendeckend getestet.

Das Ergebnis: 47 Bewohner und 19 Mitarbeiter hatten sich mit dem Corona-Virus infiziert. In sieben weiteren Fällen waren Schnelltests positiv. Zwischen dem 23. und 27. Dezember starben acht Bewohner an Covid-19 oder in Verbindung damit. „Inzwischen ist das Wilhelm-Augusta-Stift für Besucher geschlossen. Die Mitarbeiter arbeiten stark an der Belastungsgrenze“, erklärt AWO-Sprecherin Christina Schulte auf Anfrage des WESTFALEN-BLATTS.

Wie das Virus in die Senioreneinrichtung gelangen konnte, ist noch unklar. Fakt ist, dass von Anfang an Schutzkonzepte erarbeitet wurden, die lange Zeit Wirkung zeigten. „Wir haben zum Beispiel nach dem ersten Lockdown im Frühling Schutzkittel an die Besucher verteilt. Auf den Zimmern herrscht für Besucher Maskenpflicht. Die meisten haben sich auch verantwortungsbewusst verhalten und danach gerichtet. In einem Fall konnte allerdings nachgewiesen werden, dass Besucher gegen die Maskenpflicht verstoßen hatten. Genau diese Bewohnerin wurde später positiv getestet“, berichtet Christina Schulte.

Drei Seniorenheime betreibt die AWO in Bielefeld, acht sind es in OWL. Laut Christina Schulte verlief das Infektionsgeschehen bislang überwiegend glimpflich. Am vergangenen Sonntag konnten die Bewohner einer Einrichtung in Extertal mit dem Impfstoff versorgt werden. „Wir hoffen sehr, dass es damit voran geht“, sagt Schulte. Auch die noch kurz vor dem Weihnachtsfest eingeführte Landesverordnung, wonach Corona-Schnelltests für alle Besucher von Senioreneinrichtungen nunmehr verpflichtend sind, soll die Bewohner vor einer Infektion mit dem Virus schützen.

So sehr Bodo de Vries diese Verordnung auch begrüßt, so fehlt ihm doch das Verständnis dafür, dass die Einrichtungen, die ohnehin personell am Limit arbeiten, mit diesen Aufgaben zusätzlich betraut wurden. „Ich kritisiere, dass die Kommunen und der Medizinische Dienst da nicht mit anpacken.“ Man könne diese Mehrbelastung nicht durch Ehrenamtliche stemmen, da nur medizinisch geschultes Personal diese Schnelltests durchführen könne. Bodo de Vries: „Die Personallage ist auch so schon sehr angespannt. 81 Mitarbeiter des Johanneswerks befinden sich zur Zeit in Quarantäne und es ist verständlich, dass viele Mitarbeiter die Feiertage mit ihren Familien verbringen möchten. Wir kämpfen um das Leben vieler Bürger. Da kann man es nicht allein zur Aufgabe der Träger machen, diese Schnelltests zusätzlich auch noch durchzuführen“, moniert de Vries.

Auch wenn die Einrichtungen des Johanneswerks bislang gut durch die Pandemie gekommen seien, so gebe es gleichwohl „keinen Grund zum Jubeln“, so der Geschäftsführer. Corona sorge täglich für neue Herausforderungen in den Senioreneinrichtungen.

Alleingelassen fühlt sich auch Wilfried Wesemann, Geschäftsführer der Altenhilfe Bethel. „Trotz aller Anstrengungen sind wir machtlos gegen das Virus und personell aufgrund hoher Ausfallquoten an unseren Grenzen angekommen“, sagt Wesemann. Die Zeit, die geschultes Personal mit Corona-Schnelltests beschäftigt sei, ginge von der Pflegezeit ab.

In der Altenhilfe Bethel werden etwa 750 Senioren stationär betreut. Neun sind infolge des Pandemiegeschehens verstorben. Insgesamt, so Wesemann, sei die Situation in den Einrichtungen stabil. Einzig im Pflegezentrum Lohmannshof seien aktuell 25 Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. Weite Teile des Hauses stünden unter Quarantäne.

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