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40 Jahre Altstadt-Kaufleute: Interview mit dem Vorsitzenden Henner Zimmat und Vorstandsmitglied Thomas Renken

„Wir wollen die Marke Altstadt weiter voranbringen“

Bielefeld

Der Alte Markt ist ein Wohlfühlort Bielefelds und die Altstadt das Wohnzimmer dieser Stadt. Seit 40 Jahren stehen die Altstadt-Kaufleute für eine Einkaufsqualität, die das Online-Shopping so nicht bieten kann. Ein Interview mit Henner Zimmat, Vorsitzender der Altstadt-Kaufleute, und Vorstandsmitglied Thomas Renken.

Von André Best

Optimismus in nicht einfachen Zeiten: Bei mancher medialer Berichterstattung, die als unangemessen kritisch betrachtet wird, sehen Thomas Renken (links) und Henner Zimmat aber rot. Foto: Thomas F. Starke

Sicher nicht ohne Stolz blicken Sie in diesen Tagen auf 40 Jahre Altstadt-Kaufmannschaft. Im Rückblick betrachtet: Nennen Sie doch bitte kurz und knapp jeweils drei Dinge, die Sie in der Rückschau mit Freude sehen und drei Punkte, die nicht so toll waren.
Henner Zimmat: Positiv: 1. Events wie „Der Flirt mit dem Frühling“, der „märchenhafte Laternenumzug“, „LeinArt“ und „Die Altstadt zeigt Gesicht“. 2. Hut Ab! 3. Die wachsende Aufmerksamkeit und Bekanntheit der Marke Altstadt. Verbesserungsfähig sind: 1. Die Kooperation zwischen Stadt und Altstadt. 2. Manche Berichterstattung, auch in den sozialen Medien, empfanden wir zuletzt als unangemessen negativ. 3. Ungenutzte Möglichkeiten, fehlende Kreativität und mangelnde Kooperation in Sachen Altstadt-Raum.

Die Kaufmannschaft hat sich enorm weiterentwickelt. Längst sind nicht nur reine Händler Mitglied des Altstadt-Teams, sondern Gastronomen ebenso wie Dienstleister, Unternehmen und Förderer. Sehen Sie hier noch mehr Potential?
Zimmat: Trotz eines Höchststands von inzwischen 220 Mitgliedern (und das in Corona Zeiten) ist noch viel Luft nach oben. Wenn gute Leute konstruktiv und auch uneigennützig kooperieren, ist noch viel mehr möglich.

Wir sind die Altstadt, lautet Ihr Slogan. Wie wollen Sie die Marke Altstadt weiter stärken? Wie wollen Sie die kritischen Händler, die es ja auch gibt, mit ins Boot bekommen?
Thomas Renken: Wir können nur bei uns selbst etwas ändern und mit positiven Signalen nach außen gehen. Da, wo viele Menschen zusammenarbeiten, gibt es unterschiedliche Meinungen und Interessen. Unser Antrieb ist, weiter für Begeisterung zu sorgen und positiv nach vorn zu gehen, Irgendwann wird jeder schwach.

Das Projekt Altstadt-Raum hat gezeigt, wie es nicht funktioniert. Dennoch will, soll und muss sich die Altstadt, aber auch die ganze Innenstadt, verändern und an Attraktivität gewinnen. Ein bisschen mehr Aufenthaltsqualität oder Sitzbänke werden nicht reichen, um diesen Prozess zum Erfolg zu führen. Wie soll der Altstadtraum 2.0 gelingen? Und braucht das Projekt nicht auch einen neueren, moderneren, attraktiveren Namen?
Zimmat: Der Name ist hier nur das Hinweisschild. In der Zukunft muss es darum gehen, einen möglichst breiten Konsens der direkt Betroffenen über die kommende Gestaltung der Altstadt zu erreichen. Wir wünschen uns dazu ergebnisoffene Arbeitskreise.

Warum wird nicht etwas Großes geschaffen? Etwas, das dazu führt, dass es alle sehen oder erleben möchten? Zum Beispiel: das größte Riesenrad Deutschlands steht ein Jahr in Bielefeld. Oder es gibt eine fantastische Bimmelbahn, auf der alle Kinder Ostwestfalens unbedingt einmal mitfahren möchten. Der die Menschen in die Stadt und zu den Geschäften bringt. Oder etwa einen Riesenpudding von Dr. Oetker, auf dem Menschen runterrutschen können. So könnte ein neues Storytelling für Bielefeld als Oberzentrum Ostwestfalens beginnen… Zimmat: Leuchttürme sind wichtig. Sie werden von Weitem gesehen. Das kostet Geld, das erarbeitet werden muss, dazu braucht man Investoren. An Ideen soll es nicht scheitern, wir würden uns zudem über positive Signale aus dem Stadtrat freuen.

So etwas darf doch am Ende nicht am Geld scheitern – schließlich haben wir Unternehmen wie Oetker, Schüco, Goldbeck und einem starken Mittelstand, den es in dieser Form kaum irgendwo anders gibt. Wer bremst? Oder machen sich das Rathaus und die Politik hier schlanke Füße?
Zimmat: Die Aktionen, die wir in der Altstadt umgesetzt haben, sind durch Mitgliedsbeiträge und Sponsoren finanziert worden. Da arbeiten bereits gute Leute zusammen, trotzdem sind wir immer offen für neue Kontakte. Unternehmer denken und handeln schnell und ergebnisorientiert. Diese flexible und konstruktive Einstellung wünschen wir uns von Verwaltung und Politik. Dann ist vieles möglich.

Und die Händler und Gastronomen selber? Sie haben allein schon aufgrund der Pandemie vieles hinter sich. Corona ist zudem im Hinblick auf die bevorstehenden Herbst- und Wintermonate auch noch nicht vorbei. Jetzt sparen die Menschen auch noch wegen der Energiekrise. Die Kauflaune ist nicht da. Ganz schön viel an Herausforderungen derzeit, oder? Planen Sie etwas Besonderes zum 40-Jährigen?
Renken: Es ist keine Zeit zum Ausruhen. Wir arbeiten weiter an dem Plan, die Marke Altstadt weiter auszubauen. Alles andere ist wie immer: Ständig müssen wir uns neuen Herausforderungen stellen. Nach Corona, Krieg in der Ukraine ist jetzt die Energiekrise an der Reihe und die Angst vor dem Notstand wird weiter geschürt. Das schadet am Ende auch uns.

Die Städte wollen den Pkw-Verkehr reduzieren, gleichzeitig ist der ÖPNV noch längst nicht so ausgebaut, wie es sein müsste. Das wird Jahre brauchen, aber im Jahr 2025 soll der Pkw-Verkehr in Bielefeld laut Oberbürgermeister Clausen halbiert werden. Da passt doch etwas nicht, oder?
Zimmat: Die Leute wollen einfach und schnell von A nach B kommen. Früher war fast immer das Auto die Antwort. Diese Zeiten ändern sich. Wir brauchen hier dringend pragmatische und kreative Lösungen, die dann auch schnell umgesetzt werden.

Derzeit beschäftigen sich die Händler auch mit der Frage, ob die Geschäfte bei Veranstaltungen wie Leineweber oder Hut ab! angesichts der schwachen Umsätze zuletzt überhaupt noch öffnen sollen. Würden die Geschäfte schließen, wäre das doch ein fatales Signal. Dann kaufen die Menschen erst recht online.
Zimmat: Auch hier denken wir langfristig: Eine gute Aufenthaltsqualität und ein buntes Miteinander ist für eine Innenstadt überlebenswichtig. Magnetveranstaltungen wie zum Beispiel Hut ab! ziehen Leute in die Innenstadt. Auch wenn viele Besucherinnen und Besucher hier nicht direkt einen Kaufimpuls hatten, haben sie doch viele interessante Läden gesehen. Die kommen wieder, wenn sie in Ruhe shoppen können. Das ist ganz natürlich.

Sehen Sie den Online-Handel als Konkurrenz oder als Chance?
Zimmat: Der Onlinehandel boomt, doch die persönliche Beratung im Geschäft durch engagiertes Personal ist eine ganz andere Qualität. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen und nach konstruktiven Lösungen suchen. Warum darf der Onlinehandel nicht das erweiterte, mediale Schaufenster eines Bielefelder Einzelhändlers sein, der hier auf seine Produkte aufmerksam macht und so seinen Kundenstamm vergrößert?

Ist Bielefeld eine Stadt für Bielefelder oder eben auch für das ganze Umland. Sieht Bielefeld sich so und handelt auch danach?
Renken: Natürlich, 30 Prozent unserer Kunden kommen aus dem Umland. Bielefeld ist das Oberzentrum. Wir können hier allerdings nur für die Altstadt sprechen. Alle Aktionen, die die Altstadt betreffen, zielen auch auf überregionale Kunden. Wir sind für alle da.

Und wie wichtig sind ein modernes Stadtmarketing, ausgezeichnete Kommunikation, Werbung und funktionierende, hervorragend abgestimmte Entscheidungsstrukturen unter den Entscheidungsträgern? Hat Bielefeld hier Nachholbedarf?
Zimmat: Wir arbeiten daran – mit allen Gremien und Entscheidern. Wir sind ständig auf der Suche nach Verbesserungen. Dieser Prozess ist zum Teil mühsam, aber oft auch sehr wirkungsvoll. Ein modernes Stadtmarketing, das die vielen tollen Aspekte von Bielefeld medial transportiert, ist weiterhin zwingend notwendig. Wenn Dich keiner kennt, kauft keiner bei Dir.

Blick in die Zukunft: Beschreiben Sie bitte Bielefelds Innenstadt in zehn Jahren.
Zimmat: Die Innenstadt ist grüner geworden. Durch die Klimakrise sind Zukunftsplaner ins Boot geholt worden und haben Bielefeld zu einer grünen Oase gemacht. Überall Bäume und grüne Flächen sorgen für angenehme Temperaturen. Selbst die Menschen aus dem Umland können mit einem effizienten ÖPNV die Bielefelder Innenstadt kostenlos, schnell und bequem erreichen. Die Leute haben gelernt, dass Onlineshopping einsam gemacht hat und haben sich wieder in der Innenstadt einen Marktplatz geschaffen, einen Generationen übergreifenden Treffpunkt.

Außer Veränderung kommt alles mal aus der Mode, oder? Sind die Händler, Gastronomen und auch die Bielefelder dazu bereit?
Renken: Händler und Gastronomen haben sich immer schon auf Veränderungen eingestellt. Hier sind viele am Puls der Zeit und agieren. Und Ihre drei Wünsche für die nächsten 40 Jahre? Zimmat: Gesundheit, konstruktive Kooperation und eine attraktive, florierende Altstadt.

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