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AOK veröffentlicht zum ersten Mal die Zahl der jährlichen Eingriffe

Wo haben die Ärzte die meiste Erfahrung?

Bielefeld (WB). Seit einigen Jahren dürfen Krankenhäuser bestimmte komplizierte Behandlungen nur noch durchführen, wenn sie eine vorgeschriebene Mindestzahl nachweisen können – und zwar jedes Jahr von Neuem. Festgelegt wird die Mindestzahl vom sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss. Er ist das höchste Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, in ihm sind Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen vertreten.

Christian Althoff

Bei komplizierten Behandlungen müssen Krankenhäuser pro Jahr eine gesetzlich festgelegte Mindestmenge erfüllen, um sie durchführen zu dürfen. Foto: dpa

Viele Operationen, viel Erfahrung

»Viele Operationen heißt viel Erfahrung, und die dient den Patienten«, sagt  Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe . Es gebe Kliniken, die im Jahr vier, fünf Herzen transplantierten: »Die muss man zumachen.« Zum Vergleich: Im Herzzentrum Bad Oeynhausen werden jährlich etwa 80 Herzen transplantiert, in den vergangenen 30 Jahren waren es 2500.

Gesetzlich festgelegte Mindestmengen gibt es bisher für sieben Bereiche, die besonders anspruchsvoll und deshalb risikoreich sind: die Versorgung von Früh- und Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1250 Gramm (mindestens 14 Fälle pro Jahr), den Einsatz von  Kniegelenkstotalendoprothesen (50), die Transplantationen von Leber (20), Niere (25) und Stammzellen (25) sowie komplexe Operationen an der Speiseröhre (10) und der Bauchspeicheldrüse (10). »Studien zeigen, dass in Krankenhäusern, die die Mindestmengen nicht erfüllen, unter anderem das Sterberisiko signifikant höher ist«, sagt Tom Ackermann, Vorstand der AOK Nordwest.

Foto: WB-Grafik
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Foto: WB-Grafik
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Liste mit Zahle veröffentlicht

Die Krankenkasse hat am Dienstag zum ersten Mal eine Liste mit den Zahlen der Krankenhäuser veröffentlicht, die die Voraussetzungen für diese Operationen auch 2020 voraussichtlich erfüllen werden. In NRW müssen die Krankenhäuser den Landesverbänden von sechs Krankenkassen zum Stichtag 15. Juli zwei Zahlen nennen: die Zahl der Fälle der vergangenen zwölf Monate und die Zahl der Fälle des vergangenen Jahres. Erreichen die  Krankenhäuser die Mindestzahl nicht, müssen sie das begründen.

Eine Begründung könnte sein, dass der Hauptoperateur längere Zeit krank war. Erscheint die Begründung den Kassen schlüssig, darf das Krankenhaus aufgrund einer positiven Prognose den Eingriff weiter anbieten – andernfalls nicht. Gegen ein OP-Verbot klagen Krankenhäuser immer wieder vor den Sozialgerichten. Ein Behandlungsverbot gilt zwei Jahre. Krankenhäuser, die nach dieser Sperrfrist (oder auch zum ersten Mal) eine der sieben genannten Versorgungen anbieten, müssen im ersten Jahr wenigstens 50 Prozent und im zweiten Jahr 100 Prozent der Mindestzahl erreichen – sonst sind sie wieder draußen.

Statistik soll Patienten bei Klinikwahl helfen

Tom Ackermann: »Mit der Veröffentlichung der Zahlen geben wir Patienten eine Orientierung, welche Kliniken die Mindestmengen einhalten. Und wir zeigen, wo Ärzte erstmals oder nach 24-monatiger Wartezeit operieren.« Die Zahlen sollten Patienten, die vor einer planbaren Operation stünden, bei der Wahl einer passenden Klinik helfen, sagt der AOK-Chef.

Ärztekammerpräsident Theodor Windhorst sieht die Mindestzahlen kritisch: »Mir wäre ein Korridor lieber als eine fixe Zahl.« Denn wenn eine Klinik 50 Knie operieren müsse und zum Jahresende noch eine OP fehle, bestehe die Gefahr, dass noch ein Patient zu dem Eingriff bewogen werde. »In einem Fall drohte ein Krankenhaus in NRW wegen leichter Unterschreitung der Höchstmenge die Zulassung für Nierentransplantationen zu verlieren. Wenn man so eine Abteilung mit all den Spezialisten und der Technik erst mal schließt, geht die nicht so schnell wieder ans Netz.«

Krankenkassen wollen Marktbereinigung

Die Krankenkassen haben die Absicht, den Markt zu bereinigen und die Zahl der Krankenhäuser zu reduzieren. Patienten könnten sich ermutigt fühlen, nur noch die Häuser mit besonders vielen Eingriffen aufzusuchen. Die anderen erreichen dann möglicherweise irgendwann die Mindestzahl nicht mehr und dürfen die OP nicht mehr anbieten.

»Es ist an den Krankenhäusern, sich abzusprechen und neu aufzustellen, bevor die Politik das Heft in die Hand nimmt«, sagt Theodor Windhorst. »Muss es in Bielefeld vier Krankenhäuser geben, die Knieprothesen einsetzen? Ich glaube nicht.« Es gehe darum, die knappen Ressourcen Geld, Personal und Räume effektiv zu nutzen.

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