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58-jähriger Biologe hat sich auf die Vermehrung krautiger Pflanzen spezialisiert

Zu Besuch beim Stauden-Karl

Bielefeld (WB). Was haben Ochsenzunge, Liebstöckel, Baldrian und Johanniskraut gemeinsam? Ganz einfach: Sie gehören zu den mehrjährige Stauden, die sich oft als Heilkräuter nutzen lassen, schön aussehen und zudem anziehend auf viele Insekten wirken. Gerade in Zeiten einer rückläufigen Artenvielfalt kommt dem Platz der Stauden in der Natur eine wachsende Bedeutung zu. Experte für diese Pflanzen ist Karl-Heinz Gartemann, in heimischen Botanikerkreisen besser bekannt als Stauden-Karl. Das WESTFALEN-BLATT hat den Brackweder Biologen in seinem ungewöhnlichen Garten besucht.

Markus Poch

Der Biologe mit einem seiner wichtigsten Arbeitsgeräte: Zwischen Malven und Ochsenzunge posiert Stauden-Karl alias Karl-Heinz Gartemann (58) in seinem „Freiluft-Blumenladen“ hinter dem Haus an der Sportstraße 49. Foto: Markus Poch

Unregelmäßiger Fußpatt

Es sind 800 Quadratmeter hinter einem fast 100 Jahre alten Einfamilienhaus an der Sportstraße. Das Grundstück ist schmal, dafür aber um so länger. Die eine Seite bekommt die volle Sonne ab, die andere eher weniger. Ein unregelmäßiger Fußpatt, umstanden von kleinen Obstbäumen und Sträuchern, schlängelt sich von der Terrasse bis ans äußerste Ende. Dort wird der Blick frei auf angrenzende Nachbargrundstücke der einstigen Arbeitersiedlung, auf denen jeder Halm genau dort steht, wo er stehen soll.

Es besteht kein Zweifel: In früheren Jahrzehnten muss auch Karls Garten mal ein Nutzgarten gewesen sein, vielleicht mit Kartoffeln, Gurken, Zwiebeln, Bohnen und Beerenbüschen. Heute ist der Weg von beiden Seiten mehr oder weniger stark überwuchert mit unscheinbarem Grün, das aber nur auf den ersten Blick aus dem Boden schießt.

200 verschiedene Arten

Tatsächlich wachsen bei Stauden-Karl, der hauptamtlich als Gärtner, dazu als Mikrobiologe für eine Lebensmittelfirma tätig ist, fast alle Pflanzen einzeln in kleinen Plastiktöpfen. Quadratmeterweise, wie große Teppiche aus Natur und Polypropylen, haben die Pflanzbatterien sich über der Brackweder Erde ausgerollt. „Wie viele Töpfe das insgesamt sind, das weiß ich gar nicht“, sagt der 58-Jährige. „Vielleicht 15.000 Stück, vielleicht auch 20.000. Aber ich habe mindestens 200 verschiedene Arten. Ungefähr drei Viertel davon gelten als einheimisch, stammen also aus Deutschland.“

Es sind fast alles mehrjährige Stauden, die sich im Allgemeinen daran erkennen lassen, „dass sie im Winter verschwinden und nicht verholzen“, erklärt der Experte. Neben den anfangs genannten Arten wachsen bei Stauden-Karl zum Beispiel auch Ackerwitwenblume, Rosenmalve, Prachtnelke, Zitronenmelisse, verschiedene Minzen, Färberkamille, Rote Melde, Alant, Wegwarte, Salomon-Siegel, Schöllkraut, Beinwell und viele, viele mehr.

„Stauden im Garten zu pflegen, hat auch ästhetische Gründe“, sagt der Biologe. „Wer Stauden pflanzt, der hat nicht nur schöne Blumen, sondern lockt auch Insekten und Vögel an.“ In Zeiten viel zu vieler aufgeräumter Grünanlagen und vor allem lebensfeindlicher Schotterflächen vor oder hinter dem Haus sollten die Leute seiner Meinung nach „ihre Gärten endlich wieder bunter machen“.

Insekten und Vögel

Stauden-Karl geht mit gutem Beispiel voran. Sein Garten grünt und blüht in vielen Farben, dass es eine Freude ist. Die meisten Reihen aus Pflanztöpfchen wirken akkurat versorgt, andere sind verwildert, einige wenige auch vernachlässigt oder leer.

Das Vermehren einer Stauden funktioniert – je nach Art – über Ableger, Samen oder über das Teilen der Mutterpflanze. „Es ist eigentlich ganz simpel“, sagt der frühere Helmholtz-Schüler, „es braucht nur ein gewisses Know-How. Im Grunde tue ich das, was jeder andere Mensch auch tun könnte, sich die Mühe aber nicht macht“, betont Stauden-Karl, während er ein winziges Stückchen Orangenminze mit den Zeigefingern in der feuchten Erde eines drei mal drei Zentimetern kleinen Topfes behutsam andrückt.

Teppiche aus Pflanzentöpfchen gibt es im Garten von Karl-Heinz Gartemann. Foto: Markus Poch

„Leider ist um diese Pflanzen viel Wissen verloren gegangen“, sagt er. „Nur manche älteren Leute wissen noch Bescheid. Die jüngeren können Erdbeere und Stachelbeere kaum noch unterscheiden.“ Aber Stauden-Karl freut sich über jeden, der sein Hobby teilt, ihm vielleicht auch ein paar Töpfchen abkauft. Denn jeden Freitag, noch bis zum 31. Oktober, ist sein Garten von 13 bis 18 Uhr für jedermann geöffnet – wie ein Blumenladen unter freiem Himmel.

„Was ich mache, ist zwar kommerziell, aber nicht gewinnorientiert“, sagt er. „Um davon leben zu können, müsste ich viel größer sein.“ Und er dürfte nicht so viele Samen oder Ableger verschenken. Denn das tut er gerne, wenn er das Gefühl hat, der Kunde weiß es zu schätzen.

www.stauden-karl.de

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