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Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer über die Folgen der Corona-Krise für Firmen, Arbeitsmarkt und Finanzen

„Zweiter Lockdown tut richtig weh“

Bielefeld (WB)

Die Corona-Krise trifft die deutsche Wirtschaft mit voller Wucht – Unternehmen, Beschäftigte, den Arbeitsmarkt, die Staatsfinanzen und letztlich die Geldbörse der Bürger. Commerzbank-Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer spricht über die Konsequenzen der Krise.

Oliver Horst

Im Schaufenster eines während des Lockdowns geschlossenen Einzelhandelgeschäfts klebt ein Aufkleber, der auf Rabatt-Aktionen hinweist. Foto: HANNO BODE via www.imago-images.de

Wie stellt sich die Lage nach rund 100 Tagen im zweiten Lockdown dar?

Jörg Krämer: Die deutsche Wirtschaft ist in einer schweren Krise. Sie wird im ersten Quartal schrumpfen. Richtig ist aber auch, dass wir eine zweigeteilte Situation haben. Während im ersten Lockdown alle Branchen, auch die exportorientierte Industrie, in die Knie gegangen sind, ist es jetzt anders. Das verarbeitende Gewerbe entwickelt sich sehr gut. Die Auftragseingänge sind höher als vor der Krise. Die Stimmung hat sich dort deutlich verbessert. Die Industrie profitiert vom guten China-Geschäft. Außerdem hat sie – besser als der Staat mit seinen Behörden – gelernt, pragmatisch mit Corona umzugehen. Das ist eine riesige Erfolgsstory und deshalb ist der zweite Lockdown für die gesamte Wirtschaft nicht so schlimm wie der erste. Aber bei Dienstleistungen sieht es richtig bitter aus – vom Einzelhandel und Gastgewerbe über Fitnessstudios bis zu Messebauern.

Commerzbank-Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer. Foto: Commerzbank

Lässt sich die Schwere der Verwerfungen abschätzen?

Krämer: Ganz lässt sich das noch nicht beziffern. Aber wir sehen eine tiefe Krise im Dienstleistungsgewerbe – auch wenn der Staat durch Kurzarbeitergeld und andere Maßnahmen hilft, die teilweise aber sehr bürokratisch und langsam sind. Der zweite Lockdown tut hier richtig weh. Die Stärke der Industrie kann die Schwäche im Dienstleistungssektor, wo im ersten Quartal vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorquartal verloren geht, nicht völlig ausgleichen. Ich rechne unter dem Strich mit einem Minus von zwei Prozent gegenüber dem vierten Quartal. Gegenüber dem Vorjahr dürfte das Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal sogar um vier Prozent schrumpfen.

Die Insolvenzantragspflicht ist in der Krise ausgesetzt. Was geschieht, wenn sie wieder gilt?

Krämer: Wir erwarten wie nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 eine Pleitewelle, aber nicht einen Pleiten-Tsunami wie vor 20 Jahren nach dem Platzen der Internetblase, als es in der Spitze fast 40.000 Unternehmenspleiten pro Jahr gab. Dagegen rechnen wir für 2021 mit rund 25.000 Insolvenzen, vor allem im Gastgewerbe und Einzelhandel. Ein Argument dafür, dass es jetzt nicht schlimmer als damals kommt, ist der massive Anstieg der Eigenkapitalquoten in den vergangenen 20 Jahren. Wegen der Erfahrung der zurückliegenden Krisen haben die Unternehmen zum Glück mehr Puffer aufgebaut. Zusätzlich zu den offiziellen Insolvenzen wird es aber viele Geschäftsaufgaben von Einzelunternehmern geben.

Die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Foto: Boris Roessler

Welche Folgen erwarten Sie für den Arbeitsmarkt?

Krämer: Wir erleben zusammen mit der Krise 2009 die mit Abstand schwerste Rezession in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das hinterlässt natürlich Spuren auch auf dem Arbeitsmarkt. Wir erwarten einen Beschäftigungsrückgang bis zur Jahresmitte und danach eine moderate Erholung. Die Arbeitslosenquote dürfte zunächst auf etwa 6,7 Prozent steigen, um bis Ende 2022 auf rund 6,0 Prozent zu fallen. Die Quote läge dann noch immer deutlich über dem Vorkrisenniveau von 5,0 Prozent. Die Bremsspuren auf dem Arbeitsmarkt sind damit relativ gering. Das liegt an der Kurzarbeit und an der Angst der Firmen vor dem Fachkräftemangel.

Und was bedeutet die Krise für den Staatshaushalt?

Krämer: Die Staatsverschuldung wird massiv steigen – von rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor der Krise auf etwa 75 Prozent Ende 2022. Das zu finanzieren, ist für den Staat kein Problem. Denn er zahlt ja Negativzinsen, er bekommt also sogar Geld von den Anlegern geschenkt. Aber die Schulden müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Sie verringern damit den zukünftigen Investitionsspielraum. Und niemand weiß, ob die Zinsen ewig niedrig bleiben.

Stimmen Sie den Äußerungen aus der Politik zu, dass bei einer anziehenden Wirtschaft die Schulden durch das Wachstum abgetragen werden können?

Krämer: Das hängt davon ab, ob man an der Schuldenbremse festhält oder nicht. Ohne deren disziplinierende Wirkung wären wir in den zehn Jahren vor der Corona-Krise mit der Schuldenquote nicht von 80 auf 60 Prozent heruntergekommen. Dabei ist die Schuldenbremse keine Investitionsbremse. Die geringen Investitionen liegen stattdessen an der Neigung der Politiker zu konsumtiven Ausgaben und an Engpässen in der Bauverwaltung und langen Genehmigungsverfahren.

Ist angesichts der finanziell schwierigen Lage vor allem weiterer Euro-Länder nun noch mehr mit einer langfristigen Null- oder Negativzinspolitik zu rechnen?

Krämer: Ja, die Europäische Zentralbank (EZB) steht unter massivem Druck insbesondere der hoch verschuldeten Länder aus dem Süden Europas. Die EZB hat seit Beginn der Corona-Krise mit ihren Anleihekäufen die gesamten Defizite der Euro-Staaten finanziert. Aus dieser Nummer kommt sie nicht mehr heraus. Deshalb ist auf Jahre mit einer Fortsetzung der Negativzinspolitik zu rechnen. Wir sehen keinen echten Markt mehr für Staatsanleihen, sondern einen künstlichen. Die Nebenwirkungen dieser Politik sind sehr stark. So reduziert sie die Anreize zu notwendigen, aber unpopulären Reformen. Außerdem verführt sie Unternehmen zu unproduktiven Investitionen, die sie bei höheren Zinsen gar nicht tätigen würden. Zudem erhöht sich das Risiko gefährlicher Blasen, etwa bei Immobilien.

Was bedeutet das für die Bürger – gerade auch mit Blick auf Altersvorsorge und Kapitalaufbau?

Krämer: Die meisten Bürger haben traditionell mit zinsabhängigen Anlageformen gespart. Der Zins ist inzwischen aber faktisch abgeschafft worden. Das schafft große Probleme bei der Altersvorsorge – auch für Unternehmen, die Pensionszusagen verstärkt mit Eigenkapital unterfüttern müssen. Die lockere Geldpolitik wälzt die Probleme der Staaten quasi auf die Bürger und die Unternehmen ab.

Eine Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit in Düsseldorf berät eine Kundin. Foto: Oliver Berg

Was heißt das in der Konsequenz für Bürger? Sind Aktien oder Immobilien trotz starker Preissteigerungen noch Alternativen?

Krämer: Grundsätzlich müsste es in Richtung Sachwerte gehen – aber wir haben es seit längerem mit einer Vermögenspreisinflation zu tun. Wer jetzt Aktien kauft, steigt relativ teuer ein. Gleiches gilt für Immobilien. Investoren sollten deshalb selektiv vorgehen und gezielt nach Gelegenheiten Ausschau halten. Ich tendiere beispielsweise dazu, Aktien in Schwächephasen zu kaufen.

Werfen wir den Blick mal über Deutschland hinaus – wie gut kommt die Welt insgesamt durch die Krise?

Krämer: Dass Deutschland besser durch diese Krise kommt als andere Länder, stimmt pauschal nicht. China kommt wirtschaftlich wesentlich besser durch und auch die US-Wirtschaft ist deutlich weniger geschrumpft. Die Weltwirtschaft insgesamt entwickelt sich ebenfalls besser, was vor allem an Asien liegt. China hat jetzt schon wieder ein höheres Bruttoinlandsprodukt als vor der Krise. Damit ist es dem Westen weit enteilt, der vermutlich erst im Herbst wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

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