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WESTFALEN-BLATT startet Serie zur Ausstellung „Steinhagen im Nationalsozialismus“

Briefe zeugen von Soldatenschicksal

Steinhagen

Sie sind ein bedrückendes Zeugnis eines Soldatenschicksals: Ein junger Mann aus Steinhagen schildert in Briefen nach Hause seine Erlebnisse an der Ostfront und fragt immer wieder eindringlich nach dem Befinden der Lieben – am Ende wird er vermisst und kommt nicht wieder zurück.

Von Annemarie Bluhm-Weinhold

Feldpostbriefe von Rudolf Kampmann, Sohn eines Steinhagener Bauern, aus dem Jahr 1943 sind Exponate aus dem Gemeindearchiv Steinhagen. Eine Postkarte macht Hoffnung auf Rückkehr: Eine unbekannte Person schreibt, dass Rudolf Kampmann lebt und in einem Kriegsgefangenenlager untergebracht ist. Foto: Annemarie Bluhm-WeinholdAnnemarie Bluhm-Weinhold

Die Feldpostbriefe des Rudolf Kampmann sind ein historischer Schatz der Ausstellung „Steinhagen im Nationalsozialismus“, die noch bis Ende Mai im Rathaus zu sehen ist. Trotz der Corona-Beschränkungen.

Das WESTFALEN-BLATT nimmt jetzt in einer Serie Aspekte und Schwerpunkt-Themen erneut auf. Den Anfang macht das Konvolut der Feldpostbriefe, das in seiner Dichte auch für den Bielefelder Historiker Dr. Jürgen Büschenfeld, der Steinhagens Geschichte im Dritten Reich zunächst für ein Buch, dann mit seinen Studierenden für die Ausstellung aufgearbeitet hat, neu ist.

Die Feldpostbriefe von Rudolf Kampmann gehören zum Steinhagener Gemeindearchiv. „Als wir 2014 die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg planten, haben wir Bürger um Dokumente und Exponate gebeten. Darunter waren diese Feldpostbriefe, die für das damalige Ausstellungsthema nicht passten, aber im Archiv bleiben sollten“, sagt Gemeindearchivarin Petra Holländer.

Briefwechsel über fast ein Jahr

Rudolf Kampmann ist der Erbe eines Hofes in Obersteinhagen (durch Heirat seiner Schwester heute Jürgensmann). 1943 muss er in den Krieg ziehen und an der Ostfront kämpfen. Über fast ein Jahr, von November 1943 bis August 1944, erstreckt sich der Briefwechsel mit seiner Familie. „Interessant ist die Entwicklung in den Briefen. Anfangs berichtet Rudolf Kampmann fast nichts von der Front. Immer hat er die Heimat im Kopf. Mit zunehmender Gefahr, schildert er aber mehr und mehr seine Erlebnisse“, sagt Jürgen Büschenfeld.

Da sind zum Beispiel die Partisanenkämpfe oder 50 Kilometer lange Märsche mit Pferden durch den Sümpfe. „Immer wieder fragt er aber auch: Wie geht es in Steinhagen? Was machen die Tiere?“, so Büschenfeld.

Von Ende Juli 1944 an sind die Einheiten aufgerieben und werden zurückgedrängt. Rudolf Kampmann berichtet von schweren Tagen und einer „zu einem kleinen Häufchen“ zusammengeschmolzenen Einheit. Er schreibt: „Hoffentlich geschieht hier bald was anderes.“ 100 Kilometer von Warschau entfernt hofft der junge Steinhagener, „dass die Front hält“.

Er macht sich Sorgen, dass er nicht zurückkommen könnte – und was das für den Hof bedeuten würde. Denn Rudolf Kampmann hatte nur Schwestern, die per Reichserbhofgesetz aber von der Erbfolge ausgeschlossen seien, wie Jürgen Büschenfeld erläutert.

Ungewissheit macht der Familie zu schaffen

Am 20. August 1944 schreibt der Vater noch: „Wann nimmt dies nur mal ein Ende?“ Danach bricht der Briefwechsel ab. Es ist eine Schwägerin aus Elverdissen, die in einem ebenfalls zum Konvolut gehörenden Brief schreibt, dass Rudolf Kampmann vermisst wird oder gefallen sein könnte: „Aber diese Ungewissheit ist fast noch schlimmer wie eine direkte Todesnachricht.“ Und sie beklagt die „furchtbaren Wunden“, die dieser Krieg in fast jede Familie schlägt.

Seit dem 24. Oktober 1944 gilt Kampmann offiziell als vermisst. Die Familie hat indes noch Hoffnung. Denn eine unbekannte Person hat ein Foto Kampmanns, das ihn in Wehrmachtsuniform zeigt, geschickt und auf der Rückseite der Postkarte vermerkt: „Der junge Mann lebt [...] verwundet und weit in Russland. Lager Nr. 4277. Es geht ihm verhältnismäßig gut, kommt wahrscheinlich 1952 zurück.“ Doch Rudolf Kampmann kam nicht zurück.

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