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Andy Kohlwes ist in vierter Generation Schausteller und wertet die Kirmes auf dem Maspernplatz als Erfolg

„Das Experiment ist geglückt“

Paderborn

Für Andy Kohlwes ist „Libori light“ so gut wie vorbei, ab Montag verkauft er 16 Tage lang Eis im Freizeitpark Münster.

Von Dietmar Kemper

Vater und Sohn bei „Libori light“ auf dem Maspernplatz. Andy Kohlwes ist diesmal nicht mit seiner Fruchtalm vertreten, sondern mit einem Wagen mit breiterem Sortiment. Hinzu kommen Zuckerwatte und Eis. Vater und Sohn hoffen, dass nicht zu viele Veranstaltungen im Herbst abgesagt werden. Foto: Dietmar Kemper

Herbstlibori hat der Paderborner Schausteller in vierter Generation fest im Terminkalender eingeplant, aber mit Sorge verfolgt er, dass in anderen Städten bereits Veranstaltungen für die kommenden Monate abgesagt wurden – so wie in Delbrück der Katharinenmarkt.

„Das zweite Auge schielt schon auf den Paderborner Weihnachtsmarkt, weil danach eine dreimonatige Pause folgt“, erzählt der 38-Jährige. Die finanziellen Reserven für diese Pause würden beim Weihnachtsmarkt angelegt. Seinen Beruf empfindet Andy Kohlwes als „schönen Stress“. Mit seinen Süßwarenständen steuert er in normalen Jahren 25 Stationen in Deutschland an, aber seit Corona ist nichts mehr normal. Die Familientradition währt seit 1913, und auch sein Vater Fredi Kohlwes (68) und seine Mutter Gisela Steinkamp-Kohlwes (70) waren auf dem Mas­pernplatz wieder mit von der Partie. Trotz widriger Umstände ist Aufgeben für Andy Kohlwes nach eigenen Worten keine Option. Auf Zusammenhalt und Flexibilität komme es jetzt an.

„Hätte mir im März 2020 einer gesagt, dass eineinhalb Jahre lang kein regulärer Betrieb stattfinden kann, hätte ich gesagt, das überlebt keiner von uns“, bekennt der Schausteller. Als einer der Paderborner Originale der Kirmeswelt ist er mit Foto in der aktuellen Ausstellung des Stadtmuseums über 500 Jahre Libori zu sehen. Man habe nach jedem Strohhalm greifen müssen, und ohne staatliche Hilfe wäre es nicht gegangen, blickt er im Gespräch mit dem WESTFÄLISCHEN VOLKSBLATT zurück. So hätten die Kredite bedient und die Geschäfte instandgehalten werden können, sagt er.

In der vergangenen Woche vermisste er „natürlich“ die Menschentrauben auf dem Liboriberg, aber „Libori light“ auf dem Maspernplatz sei bislang das Experiment gewesen, „das am besten geglückt ist“. Trotz der mit Corona verbundenen Unsicherheiten über die Zahl derer, die gleichzeitig auf den Platz dürfen, habe die Bevölkerung die Kirmes gut angenommen.

Neben Libori ist das „Johannesfest“ im hessischen Eschwege für Schausteller wie ihn eine sichere Bank: „Da freuen sich die Menschen tierisch, wenn die ersten Fahrgeschäfte kommen.“ Und in Vreden an der niederländischen Grenze würden sogar extra für die Kirmes die Vorgärten herausgeputzt, erzählt er. Der Vater des zweijährigen Andy und der neunjährigen Lilly beobachtet immer wieder, dass Mütter und Väter stolz ihren Kindern die erste Zuckerwatte kaufen. Paradiesäpfel und Zuckerwatte gebe es eben nur auf der Kirmes.

Auf ihr ist Andy Kohlwes aufgewachsen, mehr als zehnmal musste er die Schule wechseln. Für ein schüchternes Kind sei die permanente Umstellung eine Qual, weiß der 38-Jährige. Inzwischen gebe es in den Schulen Bereichslehrer, die für Kinder von Schaustellern zuständig sind und deren Lernstand kennen.

An das ständige Unterwegssein hat sich Andy Kohlwes längst gewöhnt, als seinen „größten Gegner“ empfindet er das Wetter: „Ein schlechter Tag kostet zehn bis 15 Prozent des Umsatzes.“ Vor allem an Wochenenden seien Regen, Sturm und Gewitter bitter. Dass aufgrund des Klimawandels Extremwetterereignisse zunehmen werden, bereitet ihm Sorge. Karussells könnten durch Sturmstangen widerstandsfähiger gegen Sturm gemacht werden, erzählt er. Auch er selbst weiß, wie er seine Fruchtalm mit den mit Schokolade überzogenen Leckereien schnell sichern kann. „Bei einem Unwetter in Münster wurde der Platz innerhalb von vier Stunden so zurückgebaut, dass den Geschäften nichts passierte“, erinnert sich das Vorstandsteam des Paderborner Schaustellervereins.

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