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Drohende Stellenkürzung im Hot Borchen hätte massive Auswirkungen auf das Angebot der Jugendarbeit und der Ferienbetreuung

„Das ist eine furchtbare Schwebesituation“

Borchen

Das Hot Borchen ist mit seinem breiten Angebot für Kinder und Jugendliche eine feste Anlaufstelle in der Gemeinde und bietet vielen Eltern die Sicherheit, dass ihr Nachwuchs gut betreut ist. Ob außerhalb der Schule oder in den Ferien. Freunde treffen, sich kreativ ausprobieren oder an Ausflügen teilnehmen. Langeweile ist hier fehl am Platz. Doch damit könnte bald Schluss sein.

Von Sonja Möller

Das Team des Hot Borchen – hier vor dem Graffiti am Stephanushaus – blickt mit Sorge auf die Auswirkungen der drohenden Stellenkürzung (von links): Hot-Leiter Till Bäcker, Jule Frielingsdorf, Martina Hayn, Kerstin Hayn und Pfarrerin Sabine Sarpe. Foto: Sonja Möller

Denn wie berichtet steht im Raum, dass Sozialarbeiterin Jule Frielingsdorf das Team Ende des Jahres verlassen muss.

Der Jugendhilfeausschuss des Kreises Paderborn hatte 2017 beschlossen, die Landes- und Kreismittel für die Offene Kinder- und Jugendarbeit innerhalb des Kreises umzuverteilen. Grundlage hierfür bildete eine Evaluation aus dem Jahr 2015. Von 2022 an sollen einige Kommunen mit Fördermitteln für Fachkraftstellen gestärkt werden. Dafür sollen in anderen wie Borchen und Hövelhof Stellen wegfallen.

Zwar geht es hier nur um den Förderanteil des Kreises, der sich nach Angaben des Hot Borchen aber auf etwa 26.000 Euro beläuft. Daneben zahlt die Kommune einen Anteil an den Kosten ebenso wie die evangelische Kirche als Träger.

Die Übergangsfrist läuft bald aus, und langsam wird die Zeit knapp. Wie es weitergeht, ist völlig offen. „Wir hoffen auf eine neue Entscheidung des Kreises oder dass die Kommune einspringt“, sagt Jule Frielingsdorf, die seit fünf Jahren im Hot in Borchen ist. Passiert das nicht, wird es sie treffen: „Dann werde ich betriebsbedingt gekündigt“, sagt die 30-Jährige.

Mehr Sorgen als um ihre eigene Zukunft macht sich Jule Frielingsdorf um ihre Schützlinge: „Für mich persönlich wäre die Kündigung fatal. Aber viel schlimmer wird es für die Kinder und Jugendlichen. Wenn hier eine Stelle wegbricht, ist das Angebot so nicht zu halten.“ Es werde viel weniger Möglichkeiten geben.

Und nicht nur das: Die Stellenkürzung würde sich unmittelbar auf die Öffnungszeiten auswirken, die geändert werden müssten, erzählt Sozialarbeiterin Kerstin Hayn (50). Sie bildet mit Hot-Leiter Till Bäcker (36), Jule Frielingsdorf und Sozialpädagogin Martina Hayn (53) das Team in Borchen, das sich zusammen drei Fachkraftstellen teilt.

Bleibt es beim Beschluss des Jugendhilfeausschusses, müssten sich viele Eltern ab dem kommenden Jahr etwas Neues für die Ferien überlegen. Derzeit werden im Hot in den Sommerferien im Schnitt täglich 40 Kinder betreut. „Mit einer Stelle weniger kriegen wir das so nicht mehr hin“, betont Till Bäcker. Das betreffe auch die übrigen Ferienangebote mit Tagesausflügen zum Beispiel zum Ponyhof. „Wenn eine Stelle wegfällt, müssen Angebote gekippt werden“, betont Martina Hayn.

Träger in Sorge

Auch der Träger des Hot Borchen beobachtet die drohende Kürzung mit Sorge: „Im Grund könnten wir noch eine weitere Stelle dazu gebrauchen. Besonders Corona hat uns noch mal gezeigt, wie wichtig die Jugendarbeit ist“, sagt Pfarrerin Sabine Sarpe von der evangelischen Kirchengemeinde. Als „besonders übel“ beschreibt sie den Zeitdruck, der über allem laste: „Wir als Träger wissen, dass Jule Frielingsdorf nach freien Stellen gucken wird, wenn sie nicht weiß, ob sie bleiben kann. Und es werden überall Fachkräfte gesucht.“

Immer wieder haben die Borchener auf ihre Situation aufmerksam gemacht und zum Beispiel die Politik auf die gravierenden Auswirkungen hingewiesen: „Es wurde viel geklatscht und gelobt, aber keiner will bezahlen“, fasst Jule Frielingsdorf es zusammen. Langsam läuft ihr die Zeit davon.

Pfarrerin Sarpe sagt: „Die Jugendarbeit hier in Borchen ist so, dass man wirklich etwas gestalten kann. In vielen anderen Kommunen ist das mit den dort vorhandenen Kapazitäten nicht möglich. Das Team hier vor Ort ergänzt sich perfekt und es zeigt, wie Jugendarbeit gelingen kann!“

Zum Beschluss des Jugendhilfeausschusses sagt sie: „Es ist absolut richtig und wichtig, dass die Jugendarbeit in den Kommunen gestärkt wird, in denen es zu wenig Kapazitäten gibt. Aber doch nicht auf Kosten von gut funktionierender Jugendarbeit anderswo! Es muss doch eine Bremse geben, damit man sich nicht verschlechtert.“

Antrag wird geprüft

Die CDU-Kreistagsfraktion hatte Ende April beantragt zu prüfen, in wieweit eine Weiterfinanzierung der bis dato mitfinanzierten Fachkraftstellen in den „HoTs“ von Borchen und Hövelhof befristet für zwei Jahre möglich ist. An diesem Montag tagt der Jugendhilfeausschuss, allerdings digital. Beschlüsse können dort nicht gefasst werden. Auf Anfrage teilt Kreissprecherin Michaela Pitz mit, dass das Hot nicht auf der Tagesordnung steht: „Derzeit laufen Klärungsgespräche im Hintergrund. Es wird nach Lösungen gesucht.“

Für das Borchener Team bedeutet das, weiter warten. „Für uns als Team ist das eine furchtbare Schwebesituation. Die nächste Ausschusssitzung ist ja vermutlich erst nach den Sommerferien“, sagt Diplom-Sozialpädagoge Till Bäcker. Bis eine Entscheidung fällt, könnte es noch dauern.

Jugendarbeit seit 1976

Seit 1976 gibt es in Borchen die hauptamtliche Jugendarbeit, seit Anfang der achtziger Jahre mit drei Fachkraftstellen. „In den letzten Jahren ist der Bedarf immer weiter gewachsen. Jetzt steht das Team und das Konzept vor dem Aus“, berichtet Sabine Sarpe, die selbst im Stephanushaus ihre Konfirmandenfreizeit verbracht hat.

Planung in der Schwebe

Die Evaluation der Bedarfe, auf Basis dessen die Entscheidung seinerzeit fiel, erfolgte vor allem nach empirisch messbaren Daten, berichtet Till Bäcker: „Es wurde nicht geguckt, welche Angebote funktionierten, was etabliert war oder wie viele Kurse angeboten wurden. Weil das schwer messbar ist.“ Eigentlich würden er und das Team nach den Sommerferien mit der Planung für das nächste Jahr anfangen. Aber wie eine Planung aussehen kann, ohne zu wissen, mit wie vielen Mitarbeitern, weiß er nicht.

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