1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. „Das Ükernviertel ist das Herz meiner Heimat“

  6. >

Neue WV-Serie über die Paderborner Quartiere – Folge 1 – Machen Sie mit!

„Das Ükernviertel ist das Herz meiner Heimat“

Paderborn

Eine Stadt verändert ihr Gesicht: Altes geht, Neues kommt. Besonders eindrucksvoll ist das am Beispiel des Paderborner Ükernviertels zu sehen. Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT hat sich mit Dieter Honervogt (68) zu einem Rundgang getroffen – es ist der Auftakt zu einer Serie über die Paderborner Stadtviertel.

Von Ingo Schmitz

Dom und die ehemalige Domdechanei sind die Keimzelle des Ükernviertels, meint Dieter Honervogt. Foto: Ingo Schmitz

Seit seiner Geburt lebt der stellvertretende Bürgermeister im Ükern und hat miterlebt, wie es sich in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach gewandelt hat.

Treffpunkt ist das Adam- und Eva-Haus: Das schmucke Fachwerkgebäude in der Hathumarstraße gehört neben dem Dom und dem Historischen Rathaus wohl zu den am meisten fotografierten Gebäuden in Paderborn. Erzengel- sowie Deelenhaus (Krämerstraße) sind direkte Nachbarn. Die kleinen Gassen, wie zum Beispiel Auf den Dielen, verleihen dem Ükernviertel den besonderen Charme. „Hier kann man erleben, wie Paderborn früher einmal ausgesehen hat“, sagt der Bäckermeister im Ruhestand, für den das Ükernviertel das „Herz seiner Heimat“ ist.

Sein Elternhaus mit der Bäckerei – die Handwerkstradition der Familie geht bis ins Jahr 1872 zurück – steht vis-a-vis zum Landgericht. Als Kind führte ihn der Weg zur Domschule, die sich im Bereich der heutigen Schwimmoper befand, an den Trümmern im Umfeld des Domes und der Fachwerkhäuser vorbei. „Den Nachbau der Kaiserpfalz gab es da noch nicht. Wir haben auf den Trümmern völlig respektlos und laut gespielt“, sagt er. Häufig gab es deswegen auch Ärger mit dem Prälat.

Wer in Paderborn ausgehen möchte, kommt an der Gastronomie in der Kisau (Foto), Mühlenstraße und Heiersstraße nicht vorbei. Foto: Ingo Schmitz

Während er sich in der Hathumar-/Krämerstraße umsieht, erinnert er sich daran, dass hier und im gesamten Viertel mehrere Bäcker, Metzger und andere Handwerksbetriebe angesiedelt waren, die aber im Laufe der Jahrzehnte verschwanden. „In jedem zweiten, dritten Haus war etwas“, sagt der 68-Jährige. Viele ehemalige Ladenlokale wurden im Laufe zu Wohnungen umgebaut, oder es sind Imbissbetriebe oder andere kleine Läden eingezogen.

„Dieser Prozess begann in den späten 70er Jahren und ist bis heute nicht gestoppt worden“, sagt er. Zwischenzeitlich gab es zahlreiche Gaststätten, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Das merkten auch die britischen Soldaten, die das deutsche Bier bevorzugten. Bei reichlich Alkoholgenuss schlugen diese gern über die Stränge, erinnert sich Honervogt. Schlägereien waren nicht selten. Außerdem gab es in der Mühlenstraße ein Erotikkino und im Umfeld weitere Etablissements, in denen man besser nicht gesehen wurde. Das Viertel hatte eine ganze Weile nicht den besten Ruf. Das Ükern ist aus dieser Zeit auch bei Alteingesessenen unter dem Namen Hafenviertel bekannt. Der Name nimmt Bezug auf die Pader, die einen auf Schritt und Tritt begleitet – mal oberirdisch, mal unterirdisch.

Ruhiger sei es in dem Paderborner Amüsierviertel erst geworden, als die Soldaten stärker unter Kontrolle standen und nach und nach Studenten den Bereich für sich entdeckten. Legendär ist das Red House, das vor wenigen Monaten abgerissen worden ist. Honervogt erinnert sich aber auch noch ans „Pendel“ oder „Die Brezel“: „Die liefen Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre sehr gut.“

Auf den Dielen stehen die ältesten Fachwerkhäuser. Foto: Ingo Schmitz

Auch heute gehört die Keimzelle Paderborns zu den beliebten Bereichen der Großstadt, wo man gerne ausgeht. Im Lenz, der Kultur-Bar am Heiersplatz, gab es bis zur Corona-Krise regelmäßig Konzerte, und auch das Café Röhren ist mehr als nur ein Café. Das Ükern sei im Laufe der Jahre international geworden, berichtet der 68-Jährige. Die Zugereisten brachten ihre landestypischen Gerichte mit. Es entstanden türkische Imbissbuden sowie griechische und spanische Restaurants. In der Kisau sind zudem die typischen Biergärten zu finden. „In allen Preiskategorien gibt es im Ükern gutes Essen und Getränke, von einfach bis hochwertig“, schwärmt Honervogt, der auch selbst gerne ausgeht.

Durch die Rücknahme vieler Corona-Beschränkungen kehrt nun wieder Leben in die Straßen ein: Die Biergärten und Cafés füllen sich. Überall duftet es nach leckerem Essen, Menschen treffen und unterhalten sich.

Machen Sie mit! In einer neuen Serie widmen wir uns den Paderborner Stadtvierteln und freuen uns auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen und Leser. Sie wohnen im Riemeke oder auf der Lieth? In der Heide oder in der Südstadt? Sie kennen dort die Geschichte und Geschichten? Dann melden Sie sich! Wir wollen von Ihnen wissen, warum Sie ihr Wohnquartier lieben, was neu ist oder vielleicht erneuert werden sollte. Gerne treffen wir uns mit Ihnen vor Ort. Wer als Gesprächspartner zur Verfügung stehen möchte, schreibt uns unter Angaben von Namen, Telefonnummer und Stadtviertel eine E-Mail an redaktion@westfaelisches-volksblatt.de oder ruft uns an unter Telefon 05251/896-120.

Doch wie geht es weiter im Ükern? Welche Pläne und Wünsche gibt es. Lesen Sie auch den folgenden Text.

Hier gibt es viel zu erzählen: Dieter Honervogt freut sich auf die Umsetzung der Pläne für das Adam-und Eva-Haus. Foto: Ingo Schmitz

Investoren entdecken das Ükern

In den vergangenen zwei, drei Jahren lässt sich im Paderborner Ükernviertel ein Trend feststellen: Immer mehr Investoren entdecken den beliebten Bezirk. Zu den Investoren gehören unter anderem das Erzbistum und auch die Stadt. Aber auch Private lassen die Bagger anrollen.

Stellvertretender Bürgermeister Dieter Honervogt verweist auf die Bautätigkeit im Bereich Heiersstraße/Thisaut, wo das Erzbistum ein altes Wohn- und Geschäftshaus abgerissen hat und ein Verwaltungsgebäude für die IT errichtet. Honervogt zeigt auf die Fassade: „Die Qualität, mit der hier gebaut wird, ist toll.“ Direkt gegenüber hat das Erzbistum die ehemalige Gaststätte Pflaumenbaum zu einem Gasthaus für Bedürftige umgebaut, das vom Verein „Unser Hochstift rückt zusammen“ betrieben wird. „Eine großartige Initiative“, wie Honervogt meint. Ebenfalls dem Erzbistum gehört das Liborianum nur ein paar Meter weiter, das mit erheblichem Aufwand saniert wurde und seit Sommer 2020 als Hotel und Seminarhaus betrieben wird. „Wer hier übernachtet, ist im Herzen der Stadt“, verweist Honervogt auch auf die anderen Hotels, die im Ükernviertel beheimatet sind.

Die archäologischen Ausgrabungen laufen auf dem Grundstück Mühlen-/Krämerstraße. Hier entsteht ein neues Wohnhaus samt Tiefgarage. Foto: Ingo Schmitz

Auch zwei private Großprojekte sind derzeit in der Entstehung: Unter dem Titel „Leben in Paderborn“ erbaut der Unternehmer Elmar Kloke das Quartier Von Wydenbrück direkt an der Busdorfmauer. Zwischen Mühlen- und Krämerstraße sowie dem Heiersplatz entsteht ein weiteres Projekt mit Wohnungen und Gastronomie. Investor Ralf Eckel will hier eine Kneipe eröffnen, in der das Josefs-Bräu ausgeschenkt werden soll, das demnächst in Bad Lippspringe gebraut wird. Das Wirtshaus soll in die ehemalige Shisha-Bar am Heiersplatz einziehen. Der Altbau wird von Grund auf saniert. Honervogt freut sich, dass dadurch das Entree zur Stadt aus Richtung Detmolder Tor aufgewertet wird. Aktuell laufen auf dem Areal dahinter, auf dem unter anderem das Red House stand, die Ausgrabungen der Archäologen. Einige Mauerreste sind sichtbar geworden: „Wir befinden uns in einem historischen Bereich“, sagt Honervogt.

Gespannt ist er auch auf das, was im Adam-und-Eva-Haus künftig passieren soll. Ein Bauzaun vor dem Gebäudeensemble kündigt Großes an: Eine Open Library soll hier entstehen, die für jedermann zugänglich ist und eine Ergänzung zum Angebot der Zentralbibliothek in der ehemaligen Domdechanei am Rothoborn darstellen soll. Und auch dort soll sich in Kürze einiges verändern, wie zum Beispiel die Umgestaltung der Ufermauer und die Schaffung eines Stegs mit Sitzstufen. Das werde ebenfalls die Aufenthaltsqualität direkt an der Pader bereichern. Dazu gibt es Ideen für einen Lesepavillon mit Glasboden, der neben dem Geisselschen Garten über der Pader gebaut werden könnte, schwärmt Honervogt.

Die Fassade des neuen Verwaltungsgebäudes des Erzbistums an der Thisaut ist bereits sichtbar. Hier zieht die IT-Abteilung ein. Foto: Ingo Schmitz

Das Ükernviertel zeichne sich durch seine Mischung aus, meint der 68-Jährige. Vor allem das neu gestaltete mittlere Paderquellgebiet zwischen Mühlenstraße und Paderhalle sei ein riesiger Gewinn. Das sehe man auch an den vielen Menschen, die sich bei schönem Wetter in den Grünanlagen aufhalten, picknicken oder sich einfach nur sonnen.

Es sind vor allem die jungen Menschen, die das Ükernviertel aufgrund seiner Vielfalt schätzen. So lässt sich zum Beispiel auch der Erfolg von Mara Gollkowski erklären, die vor einigen Monaten – mitten in der Corona-Krise – in der Heiersstraße das „Mara‘s Donuts & Coffee“ eröffnet hat. Seitdem brummt das Geschäft und die jungen Leute stehen Schlange, um die veredelten Backwaren genießen zu können.

Mara Gollkowski hat vor wenigen Monaten im Ükernviertel das Donut-Haus eröffnet. Die süßen Leckereien sind vor allem bei jungen Menschen zwischen 15 und 35 Jahren sehr gefragt. Vor dem Geschäft bilden sich oft lange Schlangen. Foto: Ingo Schmitz

Wünsche für die Zukunft des Ükernviertels hat Dieter Honervogt natürlich auch. „Ich fände es toll, wenn es hier ein Straßenfest geben würde, damit sich die Menschen, die hier wohnen, nach der Corona-Krise treffen und kennenlernen können.“ Und sollte mal eine Nachnutzung für die Reineke-Mühle gesucht werden, könnte er sich hier ein Künstler-Quartier vorstellen. Denn eines ist sicher: Der Wandel ist beständig.

Idyllisch: Durch die Neugestaltung des mittleren Paderquellgebiets zwischen Mühlenstraße und Paderhalle ist ein neues Kleinod im Ükernviertel entstanden. Hier ist einer der Quelltöpfe zu sehen, der dabei geschaffen worden ist. Foto: Ingo Schmitz
Startseite