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Christine Schütte-Ernst aus Schloß Holte-Stukenbrock berichtet über ihre Erlebnisse im Ahrtal

„Die Dankbarkeit der Menschen ist riesig“

Schloß Holte-Stukenbrock

Die Unterstützung aus Schloß Holte-Stukenbrock für die von der Flutkatastrophe im Ahrtal betroffenen Menschen ist groß. Friseurmeisterin Katja Kramme war bereits mehrfach dort (wir berichteten) und die Stadt hat am Mittwoch eine große Hochwasser-Spendenaktion initiiert.

Von Christine Schütte-Ernst

Aus dem Garten eines Privathauses in Bad Neuenahr wird ein von der Flut zerlegter Pool gezogen. Foto: Christine Schütte-Ernst

Jetzt berichtet Christine Schütte-Ernst, die gemeinsam mit ihrem Mann Jens-Peter Ernst im Wohnmobil ins Ahrtal aufgebrochen ist, für das WESTFALEN-BLATT, wie sie die Tage als Helfer empfunden hat – und möchte auch allen Spendern nochmals ein Dankeschön aussprechen.

„Wer vielleicht dachte, dass im Ahrtal vieles wieder normal läuft, dem können wir nur sagen, dass wirklich schon viel passiert ist, aber eine Normalität noch in sehr weiter Ferne ist und deshalb dürfen wir die Menschen in den Katastrophengebieten nicht vergessen. Noch immer liegt ein leicht ölig-staubiger Geruch in der Luft, viele Erdgeschosse von Häusern und Geschäften sind geräumt und befinden sich nach den Stemmarbeiten nun wieder im Rohbau-Stadium.

Hier muss ein kontaminierter Erdhaufen mit Schaufeln und Schubkarren entfernt werden. Die Helfer packen gemeinsam an. Foto: Christine Schütte-Ernst

Auf den Straßen sind ständig Baufahrzeuge unterwegs und auf den Bürgersteigen türmen sich immer wieder die Sperrmüll- und Bauschuttberge. Im Flussbett der Ahr befinden sich in weiten Teilen immer noch die Anschwemmungen, verworren mit Geäst, zerstörtem Hausrat und Müll. Der Schlamm, mittlerweile angetrocknet, bedeckt noch viele Freiflächen, Gärten und ehemalige Parks.

Wir waren mit unserem Wohnmobil beim Helfer-Shuttle in Grafschaft, oberhalb des Ahrtals, und wurden mit allen anderen Helfern in mehreren Gelenkbussen in die verschiedenen Orte gebracht und zu den speziellen Aufträgen (Stemmarbeiten, Aufräumarbeiten, Arbeiten in den Weinbergen) eingeteilt, wo die Betroffenen um Hilfe gefragt haben.

Jens-Peter Ernst (von links), Petra, Helga, Anke Gemeinhardt und Christine Schütte-Ernst nach der erfolgreichen Aktion. Foto: Christine Schütte-Ernst

Unser Einsatzort war Bad Neuenahr. Am ersten Tag waren wir mit vier anderen Frauen bei einem Privathaus eingeteilt, wo das Erdgeschoss bereits entkernt war. Hier musste ein von der Flut zerlegter Pool aus dem Garten gezogen und ein großer kontaminierter Erdhaufen mit Schaufeln und Schubkarren entfernt werden, den wir notgedrungen und mangels Alternative auf den Gehweg befördern mussten. Ein Sperrmüllwagen kam gerade recht, so dass wieder Platz für den nächsten Unrat entstand. Im Nachbargarten war ein anderes Team vom Helfer-Shuttle im Einsatz und man half sich, wo jemand gebraucht wurde.

Christine Schütte-Ernst

Als die Arbeiten soweit erledigt waren, sammelten wir uns an einem Parkhaus direkt an der Ahr, das bis in die zweite Etage überflutet wurde. Der größte Schlamm war bereits entfernt, außer in der großen Fahrrad-Gitterbox, dort lagen die Fahrräder noch im kniehohen Schlamm. Ein Team von 40 bis 60 Helfern arbeitete noch zwei weitere Tage in und an dem Parkhaus. Von den Gitterfenstern und Lochsteinen wurden die Anschwemmungen entfernt und 13.800 Quadratmeter wurden mehrfach gefegt. Das ergab etwa 60 Tonnen Schlammrückstände.

Das Fachwerkhaus der Familie B. aus Ahrweiler wurde durch die Flut schwer beschädigt.Das Fachwerkhaus der Familie B. aus Ahrweiler wurde durch die Flut schwer beschädigt. Foto: Christine Schütte-Ernst

Gegen 17 Uhr fuhren die Busse in der Regel wieder in die Grafschaft zum Helfer-Shuttle. Hier war alles bestens organisiert. Ein Camper-Platz nebenan mit einem großen Zelt für alle Helfer. Dort wurde gegessen und beim Bierchen (Essen und Getränke sind frei) tauschte man sich aus. Schnell hatte man das Gefühl, unter Freunden zu sein. Im Helferdorf herrschte unter den Helfern ein besonders herzlicher Spirit.

Die Arbeit war anstrengend, aber es tat gut, wenn man sich vor Augen hielt, wofür man das macht. Wären wir in dieser katastrophalen Situation, wären wir auch froh, wenn uns jemand helfen würde. Es gibt so viele traurige Schicksale, dass es einem immer wieder die Tränen in die Augen trieb. Die Dankbarkeit der Menschen ist riesig und sie rufen den Helfern aus den vorbeifahrenden Autos ein „Danke, Danke, Danke“ zu.

Die von uns gesammelten Sachspenden (Kabeltrommeln, Feuchtigkeitsmesser, Baustrahler, Heizstrahler und weiteres mehr) haben wir sofort beim Shuttle-Baumarkt abgegeben. Insbesondere die sechs Baustrahler brachten die Augen des Baumarkt-Teams zum Leuchten. Dank der bei uns abgegebenen Bargeld-Spenden konnten wir insgesamt 960 Euro unter vier von der Flut schwer betroffenen Familien aufteilen und persönlich überreichen.

Familie Wurms vom Safariland Stukenbrock hatte zehn Erwachsenen- und zehn Kinder-Eintrittskarten gespendet, so dass jede Familie einen Umschlag mit Freikarten und einen Geldbetrag bekam. Die Übergabe der Umschläge war sehr emotional und herzlich, aber auch verhalten und sehr dankbar, denn nie zuvor war jemand von ihnen in einer solchen Situation. Alle freuen sich jetzt schon auf eine kurze Auszeit, vermutlich im nächsten Jahr, und ein Abschalten in Schloß Holte-Stukenbrock – insbesondere die Kinder. Die Familien haben unsere Kontaktdaten und wir werden dann schauen, wo wir eine Übernachtungsmöglichkeit für zwei Nächte organisieren können.

Wir sind nach drei Tagen beim Helfer-Shuttle weitergefahren und denken, dass wir noch mal hinfahren werden. Denn es gibt weiter so viel zu tun und jede helfende Hand wird gebraucht. Wer mehr über unseren Einsatz und den Helfer-Shuttle erfahren möchte und vielleicht selbst einmal helfen möchte, darf mich gerne unter der Handynummer 0162/4044918 kontaktieren.“

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