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Wissenschaftler der Universität Paderborn befragen mehr als 1500 Personen zum rheinischen Karneval

Die Geselligkeit fehlt den Menschen

Paderborn

Wegen der Corona-Pandemie mussten die Jecken auf Straßenkarneval, Sitzungen und gemeinsames Schunkeln verzichten. Wie bewerten die Menschen den Ausfall der Sitzungen, Umzüge und Konzerte?

Foto: Jörn Hannemann

Was sagt das über den Stellenwert des Karnevals aus? Diesen Fragen gehen Wissenschaftler der Uni Paderborn am Kompetenzzentrum für Kulturerbe nach.

Eine Online-Umfrage zum rheinischen Karneval liefert nun erste Ergebnisse: „Geselligkeit, Gemeinschaft und Frohsinn zeichnen den Karneval aus Sicht der Befragten aus. Genau jene Aspekte also, die in ihrem Zusammenspiel während der Corona-Pandemie besonders schwer zu vermitteln sind“, sagt Jonas Leineweber, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Paderborn. Im Frühjahr dieses Jahres haben 1542 Personen an der Online-Umfrage teilgenommen. Knapp 87 Prozent davon sind Mitglied in einem Karnevalsverein. „Die hohe Teilnahmebereitschaft an der Umfrage zeigt, wie stark das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem immateriellen Kulturerbe während der Krise ist. Gerade die kulturelle Praxis gesellschaftlicher Rituale, Bräuche und Feste ist von der Pandemie stark und in ihren Kernelementen betroffen“, sagt Prof. Dr. Eva-Maria Seng, Leiterin des Kompetenzzentrums für Kulturerbe. Die Umfrage mache deutlich, dass Geselligkeit, Gemeinschaft, Frohsinn, Tradition, Gemeinsinn, regionale Identität und Kontinuität für 90 Prozent der Befragten den rheinischen Karneval am stärksten ausmachten.

Dass sich die kulturelle Praxis des rheinischen Karnevals durch die Pandemie stark oder sehr stark verändert hat, denken nahezu alle Befragten (96 Prozent). Im Vergleich zu anderen Veranstaltungen und Angeboten der Vereine bedauern mehr als 90 Prozent der Umfrageteilnehmer den Ausfall der Karnevalsumzüge und -sitzungen am meisten. Die Veranstaltungen haben für mehr als 90 Prozent insbesondere als Ort der Begegnung und des Wiedersehens mit Freunden und Bekannten sowie als Ort der Geselligkeit und Gemeinschaft gefehlt. Auch das Erleben von künstlerischen Auftritten und die Abwechslung zum Alltag haben mehr als 85 Prozent der Befragten stark beziehungsweise sehr stark vermisst. Der Wegfall des ausgelassenen Feierns und des gemeinsamen Essens und Trinkens wurde dagegen mit knapp 70 Prozent weniger bedauert.

93 Prozent halten die Absage der Karnevalsfeste der Session 2020/21 für richtig

93 Prozent der Befragten halten die Absage der Karnevalsfeste der Session 2020/21 vor dem Hintergrund der Pandemie für richtig. Aus ihrer Sicht hätten die Vereine während dieser Zeit insbesondere Werte wie Verantwortungsbewusstsein (87 Prozent), Vernunft (83 Prozent) und Solidarität (77 Prozent) vermittelt. Die von vielen Vorständen durch die Pandemie befürchtete Entwöhnung und Abwendung vom Verein sind laut der Ergebnisse dagegen nicht messbar: Für mehr als jeden Vierten ist trotz der ausgefallenen Veranstaltungen die Bedeutung der Karnevalsvereine gestiegen, während sie für 12 Prozent zurückgegangen ist. Die Motivation, eine Karnevalsveranstaltung zu besuchen, sei sogar bei knapp der Hälfte der Befragten gestiegen und nur bei etwa 5 Prozent gesunken. 28 Prozent schilderten außerdem, motivierter zu sein, sich künftig in einem Verein zu engagieren.

Außerdem haben die Wissenschaftler danach gefragt, in welchen Bereichen sich die Karnevalsvereine weiterentwickelt haben. Die größte Entwicklung sehen die Befragten bei der Nutzung sozialer Medien (46 Prozent) und von Videoformaten (41 Prozent) sowie bei der Digitalisierung (40 Prozent). Auch seien die Vereine kreativer geworden (45 Prozent). Sollte die Krise im nächsten und übernächsten Jahr anhalten, so dass Umzüge, Sitzungen und Konzerte weiterhin ausfallen müssen, habe das aus Sicht der Befragten erhebliche Folgen für die Praxis der Karnevalsvereine – aber auch für das Leben in den Städten und Dörfern. 74 Prozent rechnen dann mit einem Rückgang der Vereinsgemeinschaft, 68 Prozent gehen von einem Mitgliederschwund und 73 Prozent von einer Existenzbedrohung der Karnevalsvereine aus. Projektleiterin Seng: „Um die Auswirkungen der Pandemie in diesem besonderen kulturellen Bereich überwinden zu können, muss sich unsere Gesellschaft Gedanken über diese Entwicklungen machen und Resilienzstrategien, also Zukunftskonzepte, für diese kulturellen Phänomene erarbeiten.“

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